Besser geht es wirklich nicht

René Jacobs befreit Mozarts „Entführung aus dem Serail“ von Verlogenheit.

© Harmonia Mundi

Von Ursula Strohal

Innsbruck –Oper für Oper hat sich René Jacobs in Mozarts dramatisches Werk vertieft und dabei in über 17 Jahren Interpretationsgeschichte geschrieben. Einen Bogen machte er nur um „Die Entführung aus dem Serail“, dieses aus formalen, musikalischen, besetzungstechnischen und nicht zuletzt politischen Aspekten schwierige deutsche Singspiel. Nun ist Jacobs’ CD-Einspielung da – und sensationell (harmonia mundi).

Noch nie hat die „türkische“ Musik so durchschlagend ihren Charakter der „europäischen“ gegenübergestellt. Noch nie in unserer Zeit gab es so viel (originalen) Dialog und schon gar nie wurde so viel in die Musik hineingeredet, selbst in Konstanzes Marternarie samt Vorspiel. Die Lösung für die mannigfachen Schwierigkeiten fand Jacobs in seinem genuinen Werk­zugang: genaueste Quellenarbeit, absolutes Vertrauen in Mozart sowie das Abtragen der Bearbeitungsschichten, bis das Original kenntlich wird. „Wir wollen diese ,Entführung‘ in ihrer Ganzheit ernst nehmen, weil sie, so ,fleißig durchdacht‘, nicht verbesserbar ist“, sagt Jacobs.

„Fleißig durchdacht“ ist ein Mozart-Zitat und das CD-Ergebnis ein überaus lebendiges, ebenso kunstvolles wie unterhaltsames Hörtheater, bewusst als Hörspiel geplant. Jacobs: „Mozart liebte dramatische Vielfältigkeit, und wer ihm darin nicht folgen will, lässt das Stück zu Tode bluten.“ Diese Vielfältigkeit, Mozarts und seine zutiefst damit verwandte eigene, schlüsselt Jacobs im Einführungstext genau auf. Die Rechtfertigung, Text und Musik zu verweben, bezieht er daraus, dass Mozart es dreimal dezidiert getan hat. Das so herrlich hintergründig präludierende Hammerklavier (Andreas Küppers) hält sich an Mozart und die unwider­legbare Tatsache, dass der Komponist als Dirigent vom Klavier aus wohl alles andere als langweilig agiert hat. Was oft getrennt war, wird hier zum Melodram, was gewöhnlich überspielt wird, leuchtet Jacobs aus, wenn zum Beispiel die Protagonisten im Quartett anders fühlen als sprechen.

Für ein paar Takte greift Jacobs auf „Türkisches“ von Michael Haydn zurück und ebenso auf den sinnintensiveren Text des Bretzner-Schauspiels, das dem Libretto von Gottlieb Stephanie zugrunde liegt. Die ungekürzte Dialogfassung nimmt dem Stück die verlogene Harmlosigkeit. Betrug, Überheblichkeit und Falschheit der vor der türkischen Küste geretteten Christen Konstanze, Belmonte, Blonde und Pedrillo am Bassa und an Osmin sind schamlos und der Verzicht auf Rache sowie das Verzeihen des Bassa Selim, der sich als ein zum Islam bekehrter Renegat damit als der wahre Christ erweist, zutiefst beschämend.

Die Akademie für Alte Musik Berlin musiziert grandios, in den ursprünglichen Farben und wunderbaren Details wird die „Entführung“ neu gehört. Robin Johannsen singt eine großartige Konstanze, ebenso empfindsam wie virtuos. Maximilian Schmitts Belmonte ist männlich jung, lyrisch und rollendeckend zaudernd, Mari Eriksmoen hat den stimmlichen Klang und Charme für die Blonde, ideal Julian Prégardiens Pedrillo. Dimitr­y Ivashchenkos Stimme und Osmin-Studie ist eine Entdeckung. Etwas seltsam Cornelius Obonyas kehlig geflüsterter Akzent für den Bassa.


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