Zu viel Frucht, um wahr zu sein

Auf der Packung verspricht eine Himbeeren-Abbildung einen beerigen Geschmack. Wie wenig Frucht dahinterstecken muss und wie Hersteller den Konsumenten täuschen, hat ein Gerichtsurteil gezeigt.

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Von Matthias Christler

Innsbruck –So viele Erdbeeren können gar nie gepflückt werden, um den Geschmack für alle „Erdbeer-Joghurts“ dieser Welt zu liefern. Die Erdbeer-Ernte reicht gerade einmal für fünf Prozent der Becher aus. Das Zauberwort für industriell verarbeitet Fruchtprodukte heißt Aromen: Hauptsache das Joghurt schmeckt nach Erdbeeren, auch wenn es nie eine berührt hat.

Das wäre kein Problem, wenn der Verbraucher über den Inhalt nicht getäuscht wird. Zum Beispiel bei einem „Himbeer-Vanille-Abenteuer“-Tee „mit natürlichen Zutaten“ und Himbeer-Abbildungen auf der Packung. Der deutsche Bundesgerichtshof entschied Anfang Dezember, dass dieses Teekannen-Produkt eine Irreführung ist. Der Tee bestand aus Hibiskus, Äpfeln und Hagebutten, aber nicht aus echten Himbeeren. Der Rechtsstreit dauerte vier Jahre, das Produkt wurde schon vom Markt genommen, trotzdem ist die Entscheidung wegweisend, wie Lena Blanken vom Verein „Foodwatch“ erklärt: „Durch das Urteil wurde der Lebensmittelindustrie die gerne genutzte Ausrede genommen, dass sie auf der Vorderseite der Packung mit etwas werben, was dem Produkt nicht entspricht, aber der Kunde selbst das Zutatenverzeichnis auf der Rückseite studieren könne“, sagt sie und ergänzt: „Man kann vom Verbraucher nicht erwarten, dass er Werbeexperte, Lebensmittelexperte und Jurist in einem ist. Deshalb braucht es eine politische Regelung, die so etwas unterbindet.“

Der besondere Geschmack des Aromas

Warum Aromen? Bei industrieller Verarbeitung hilft man mit Aromen nach, damit der Fruchtgeschmack erhalten bleibt. Die Bezeichnungen verwirren.

„Mit Aroma“. Wenn Beeren abgebildet sind und bei den Zutaten „mit Aroma“ steht, dann bedeutet es, dass die Frucht das Vorbild war. Das Aroma wurde vermutlich im Labor hergestellt.

„Mit natürlichem Aroma“. Die Aromen stammen aus einem natürlichen Rohstoff, nicht unbedingt von der Frucht selbst. Der Ursprung können Mikroorganismen oder Bakterien sein.

„Mit natürlichem Erdbeeren-Aroma“. Bei dieser Bezeichnung ist klar, dass das Aroma zumindest zu 95 Prozent von der Frucht stammen muss.

Die Reaktion von Teekanne waren neue, laut eigener Aussage transparentere Bezeichnungen, wenn Aromen verwendet werden. Zum Beispiel: „Aromatisierter Früchtetee mit Himbeer- und Vanillegeschmack.“ Himbeere ist immer noch keine enthalten. Man könne davon ausgehen, so Blanken, dass die Lebensmittelindustrie kleinste Lücken im Gesetz ausnütze: „Sie wollen so günstig wie möglich produzieren, aber die teuerst mögliche Frucht bewerben.“

Bei den teuren Erdbeeren gibt es das Gerücht, das Aroma werde aus billigen Sägespänen gewonnen. Das stimmt so nicht. Die Aromaindustrie verwendet u. a. ein Öl aus Holz, um ein Erdbeeraroma zu erreichen. Der Geschmack ist nicht direkt aus der Erdbeere, aber er ist natürlich gewonnen.

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Das muss für den Kunden ersichtlich und verständlich sein, fordert Foodwatch. Die Organisation prangert zudem an, dass auch bei Produkten wie Säften die Kennzeichnung oft eine Mogelpackung ist. Der österreichische „Verein für Konsumenteninformation“ hat im Herbst die Limonade „Fanta Himbeere“ einem Lebensmittel-Check unterzogen. Auf der Flasche wird in Text und Bild mit einer Himbeere geworben, im Kleingedruckten steht hingegen „Erfrischungsgetränk mit Himbeergeschmack“. Der Inhalt: 0,1 Prozent Himbeersaft, dafür 1,5 Prozent Apfelsaft. Rechtlich in Ordnung, obwohl der billigere Apfelsaft in 15-facher Menge vorkommt.

Ein älteres Beispiel habe einen Kinderfruchtsaft betroffen, sagt VKI-Ernährungswissenschafterin Birgit Beck: „Abgebildet waren viele gesunde Kiwis und wenige Äpfel, das deckte sich aber nicht mit der Zutatenliste. Mir ist wichtig, dass der Konsument das bekommt, was er beim ersten Blick erwartet.“ Sie wirbt ebenso wie Foodwatch für realistische Produkt-Abbildungen. Laut einer EU-Richtlinie aus dem Jahr 2000 müsste das selbstverständlich sein, aber: „Unsere Erfahrung ist, dass das Legale ausgereizt wird, dann gibt es einen Graubereich, der nicht oder schwierig klagbar ist, und einige wenige, die gegen das Gesetz verstoßen“, sagt Beck.

Auf die reine Natur setzt der Tiroler Marmeladen- und Fruchtsafthersteller Darbo. Sowohl bei Konfitüren als auch dem Sirup gebe es in Österreich Vorgaben, „die genau und streng reguliert sind“, erklärt Geschäftsführer Martin Darbo. Ob es in der Branche andere Hersteller gibt, die bewusst täuschen, will Darbo nicht beurteilen: „Generell gilt für alle Lebensmittel. Ein Blick auf die Zutatenliste gibt Aufschluss und Sicherheit über die Zutaten.“ Bei der hauseigene Linie „Naturrein“ bestehen die Konfitüren aus Früchten, Gelierzucker und Zitronensaftkonzentrat. „Aromen werden nicht zugesetzt.“

Weil nicht jeder so produziert, aber jeder die Frucht genießen will, werden neue Wege gesucht, das Gehirn zu „täuschen“. Einer davon ist das Crowdfunding-Projekt „Right Cup“ für aromatisierte Getränke. Dabei wird aber nicht das Getränk aromatisiert, sondern der Becher. Wenn man Wasser daraus trinkt, riecht man Beeren, Apfel oder Orange. Die Nase leitet das Aroma weiter und man meint, einen Fruchtsaft zu trinken. Zumindest eine gesunde und nicht geheime Irreführung.


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