Natur, Wald, Joggen und die wahre Liebe

Wenzel Fuchs, Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker, vor seinem Tirol-Konzert im TT-Telefongespräch.

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Untrennbar: der Tiroler Wenzel Fuchs, seit 23 Jahren Berliner Philharmoniker, und seine Klarinette.
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Herr Fuchs, soeben sind Sie wieder zuhause in Berlin angekommen. Waren Sie in Tokio, China, den USA?

Wenzel Fuchs: Ich war in Tirol, bei meiner Mutter. Mindestens einmal im Jahr besuche ich mit meiner Familie Mutter, Tante, Brüder.

Am Sonntag, den 3. Jänner, geben Sie mit der Pianistin Ariane Haering und dem Cellisten Ramon Jaffé abends in der Hopfgartner Salvena ein Neujahrskonzert. Warum Hopfgarten und was gibt es zu hören?

Fuchs: Ramon Jaffé, der auch in Berlin lebt, kenne ich schon sehr lang. Er leitet ja seit vielen Jahren das Kammermusikfest Hopfgarten und da war ich am Anfang immer dabei, jetzt geht es terminlich nicht mehr. Wir spielen die Klarinettentrios von Beethoven und Brahms und Werke von Bruch, Poulenc, Piazzolla u. a.

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Sie wurden in Innsbruck geboren, sind in Brixen im Thale aufgewachsen, seit 23 Jahren Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker, außerdem als Solist, Kammermusiker und Lehrer tätig. Wie geht das, von der Blasmusik zur absoluten Spitze?

Fuchs: Meine Eltern hatten ein Sportgeschäft und ich wollte Skirennfahrer werden. Dann habe ich mir den Fuß gebrochen. Bei der Brixner Blasmusik spielte ich Klarinette und fuhr einmal in der Woche ans Konservatorium nach Innsbruck zu Walter Kefer. Der Oboist Jürg Schaeftlein, Wiener Philharmoniker, machte bei uns Urlaub und wollte mich hören. Ich spielte ihm im Geschäft vor und er meinte, ich müsse nach Wien kommen. Ich fuhr hin.

Wie alt waren Sie da?

Fuchs: Vierzehn. Als Erstes erlebte ich eine Probe der Wiener Symphoniker im Musikverein. Das war ein besonderes Erlebnis. Ich kam an die Wiener Musikhochschule zu einem Oboelehrer. Aber ich habe meine wahre Liebe nicht vergessen, nebenbei Klarinette geübt und nach neun Monaten mit Tränen in den Augen gebeten, Klarinette spielen zu dürfen. Peter Schmidl wurde mein Lehrer.

Dann nahmen Sie Ihre Klangvorstellung nach Berlin mit.

Fuchs: Der Klang ist im Kopf, man wird immer versuchen, ihn zu produzieren, egal auf welchem Instrument. Es kommt auch darauf an, wo man studiert hat und aufgewachsen ist. Man fügt sich in Ensembles ein, kann sich heute, weil digital alles abrufbar ist, auch mehr Meinungen bilden, aber die Klangvorstellung bleibt verankert.

Die Klarinette der Berliner ist nicht nur durch Sie österreichisch gefärbt.

Fuchs: Mein Vorgänger bei den Berliner Philharmonikern war der Österreicher Alois Brandhofer. Und jetzt ist der Österreicher Andi Ottensamer bei uns auch Soloklarinettist.

Die Berliner Philharmoniker haben ein engagiertes Jugendprogramm, im Mittelpunkt die Orchester-Akademie. Was ist dort Ihre Aufgabe?

Fuchs: Ich unterrichte jeweils zwei Jahre lang zwei Klarinettisten. Die Akademie ist das Sprungbrett in die Karriere. Zuerst hatten wir nur Absolventen, jetzt werden auch ganz junge Talente aufgenommen. Da waren zum Beispiel ein 19-jähriger Trompeter aus Österreich oder ein 17-jähriger Kontrabassist aus dem Orchester Simón Bolívar in Venezuela. Er war nur übungshalber bei einem Probespiel dabei – und hat es gewonnen.

Ist es noch verantwortungsvoll, die Jugend zur Musikerkarriere zu motivieren?

Fuchs: Das ist eine große Frage. Ich denke, da muss etwas ganz Besonderes im Talent sein, etwas Geniales … Aber Deutschland ist trotz aller Auflösungen und Fusionierungen doch noch ein Orchesterparadies, auch in Österreich bestehen die Orchester. In den umliegenden Ländern, in Frankreich zum Beispiel, auch in Spanien, ist es viel schlimmer.

Sie halten Meisterkurse in aller Welt, unterrichten in Tokio und haben seit Herbst 2015 eine Professur am Salzburger Mozarteum.

Fuchs: Wenn die Berliner Philharmoniker auf Tournee in New York sind, unterrichte ich an der Juilliard School, das ist praktisch. In Tokio habe ich eine Gastprofessur an der Geidai University. Und in Salzburg treffe ich wieder auf meinen Vorgänger in Berlin, Alois Brandhofer.

23 Jahre in solcher Spitzenposition, immer Höchstleistung, wie steht man das durch? Haben Sie Stahlseile statt Nerven?

Fuchs: Wer Stahlseile hat, dem fehlt die Sensibilität. Ja, durch die digitale Concert Hall, immer alles live, ist es noch belastender, aber man gewöhnt sich daran. Es ist immer ein Kribbeln da, und es stimmt nicht, dass mit zunehmendem Alter alles leichter ist – es wird nie leichter! Positive Anspannung braucht es, gegen die negative Nervosität suche ich Strategien. Wenn du am Boden bist, kann nichts passieren. Ich lebe mit meiner Familie in einem Haus in Berlin-Charlottenburg, mir helfen die Natur, der Wald, das Joggen. Und mitten im Orchester die Kollegen, mit denen man zusammengewachsen ist. Albrecht Mayer (Solooboe), Emmanuel Pahud (Soloflöte) und Stefan Dohr (Solohorn) sind alle mit mir 1993 zu den Berlinern gekommen. Wir sind Blutsbrüder.

Das Gespräch führte Ursula Strohal


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