Aus der Klasse obskurer Musiker

Mit 35 Jahren hat Genregrenzgänger Doug Hream Blunt seine Musikkarriere gestartet, die nun, 30 Jahre später, Fahrt aufnimmt.

© Pau Pahana

Von Silvana Resch

Innsbruck –Dank dem wundervollen Dokumentarfilm „Searching for Sugar Man“ (2013 mit einem Oscar ausgezeichnet) sind die Songs des vergessenen Liedermachers Sixto Rodriguez doch noch einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden. Der Folk-Barde fristete in seiner Heimatstadt Chicago ein karges Dasein als Bauarbeiter. Bis in die frühen 2000er-Jahre wusst­e Rodriguez nichts von seiner großen Fangemeinde in Südafrika – und in Südafrik­a wusst­e man nicht, dass er noch am Leben war. Der Dokumentarfilm erzählt von der spannenden Suche nach dem ungebrochenen Protestsänger, der als 70-Jähriger schließlich die Aufmerksamkeit bekam, die ihm nach der Ver­öffentlichung zweier großartiger Alben bereits in den 1970er-Jahren gebührt hätte.

Auf der Suche nach den Werken obskurer Kultfiguren durchforsten Plattensammler seit jeher die Second-Hand-Läden – und es gibt nach wie vor viel zu entdecken. Ex-Talking-Head David Byrne bringt mit seinem Globe-Trotter-­Label „Luaka Bop“ regelmäßig vernachlässigte Künstler ans Licht. 2013 etwa den nigerianischen Funk-Elec­tro-Pionier William Onyeabor („Who Is William Onyeabor“), Ende vergangenen Jahres kam der US-amerikanische Soul-Funk-Heroe Doug Hream Blunt mit der Retrospektive „My Name Is Doug Hream Blunt“ zu Ehren. Der heute 65-Jährige startete spät mit der Musik, lange konnte er sich keine eigenen Ins­trumente leisten.

Rührend ist die Geschichte, die auf der hübsch gestalteten „Luaka Bop“-Artist-Website erzählt wird. Als 35-Jähriger sah Doug Hream Blunt eine Annonce für einen Kurs mit dem Titel „Wie starte ich eine Band“. In der ersten Stunde saß er noch alleine mit seinem Lehrer da, einem Schlagzeuger, der in seiner Garage ein kleines Studio eingerichtet hatte. Nach und nach kamen doch einige Teilnehmer – bis Blunt schließlich eine ziemliche dilettantische Band zusammen hatte, mit der er sein einziges Album „Gentle Persuasion“ einspielte. Wann er die Platte aufgenommen hat, bei der seine Frau Bass spielte, weiß der Sänger heute nicht mehr. In den vergangenen Jahren musste er sich von einem Schlaganfall erholen. Gut erinnern kann sich der Musiker aber, dass er damals als Krankenpfleger arbeitete, und die Lieder, die er abends auf seiner Gitarre komponierte, am nächsten Tag den Patienten und Senioren im Pflegeheim vorspielte. Unzählige Solo-Shows will er damals gegeben haben, bis er es mit seinen herrlich eingängig-groovigen, verschwurbelten Soul-Funk-Pop-Nummern zu einem TV-Auftritt in einem Lokalsender brachte. Unterstützt von seiner Klasse aus dem Band-Kurs absolvierte er einen bestechenden Auftritt in bester 80er-Jahre-Manier. Luaka Bop hat den TV-Clip, in dem Blunt den Song „Ride the Tiger“ spielt, dankenswerter auf YouTube eingestellt. Seine Platte sollte damals aber beim Publikum durchfallen.

Der Außenseiter-Musiker, der so unterschiedliche Größen wie James Brown, B.B. King, Santana, Elvis, Jimi Hendrix oder Curtis Mayfield zu seinen Helden zählt, kann heute auf eine wachsende Gefolgschaft zählen. Der britische Musiker und Produzent Dean Blunt hat sich etwa nach ihm benannt und US-Avantgardist Ariel Pink, der einen ähnlichen Lo-Fi-Ansatz verfolgt, nennt ihn als wesentlichen Einfluss.

Das Album „My Name Is Doug Hream Blunt“ nimmt den Hörer mit auf Reisen auf ein seltsames Traumschiff, Kapitän Blunt flüstert sich durch behutsame, kuschelige Songs, dazu 60er-Jahre-Rhythmen und Hippie-Flötenklang – ein reduzierter Sound mit DIY-Attitüde, der gerade rechtzeitig neu aufgelegt wurde.


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