Die Faszination für Gangster
In „The Revenant“ ist Tom Hardy der Böse, in „Legend“ spielt er böse Zwillinge.
Innsbruck –Da eine Ära meistens über jene Dinge in Erinnerung bleibt, die käuflich zu erwerben waren, steht Swinging London zuerst einmal für Beatles-Schallplatten. In den Boutiquen der Carnaby Street wurden die ersten Miniröcke von Mary Quant verkauft. In den Kinos lief 1966 Michelangelo Antonionis Film „Blow Up”, der den Fotografen David Bailey zur Kultfigur machte. Auf wen immer er sein Objektiv richtete, mit einem Bailey-Foto war der Aufstieg zum Popstar oder zum It-Girl garantiert. 1965 fotografierte Bailey eine Serie mit den Zwillingen Reggie und Ronnie Kray, ließ sich sogar als Fotograf für die Hochzeit von Reggie verpflichten, was der Veranstaltung königlichen Anstrich verlieh. Nur die Queen war nicht zu sehen. Abgeordnete von Ober- und Unterhaus bildeten ein Spalier, Shirley Bassey sang ein Ständchen, schließlich gehörte den Krays die Stadt und die Sympathie der Schönen und Reichen. Doch der Besitzanspruch basierte auf Terror, denn die Zwillinge waren die brutalsten Gangster der Epoche. Entführung, Erpressung, Folter und Mord war ihr Werkzeug, das von der Prominenz mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination beobachtet wurde.
Es ist dann auch diese Faszination, von der sich Brian Helgeland in seinem Erzähl- und Inszenierungsstil bei „Legend” verführen lässt. Dabei kommt ihm natürlich mit Tom Hardy einer der wandlungsfähigsten Stars des Gegenwartskinos entgegen. Hardy kann ganz allein als biederer Bauleiter wie in „Locke” 90 Minuten lang vor einer Kamera sitzen oder hinter einer Atemmaske versteckt wie in „The Dark Knight Rises“ eine bedrohliche Präsenz demonstrieren. Dank digitaler Technik kann er in „Legend” die fiesen Zwillinge spielen. Für den unter paranoider Schizophrenie leidenden Ronnie Kray nutzt er als Requisiten eine Zahnprothese und ein billiges Brillenmodell, für den etwas zivilisierteren Reggie genügt ihm die Pomade im Haar, hin und wieder greift er zu Zigarre oder in gewalttätigen Momenten zur Zigarette. Als aufmerksamer Zuschauer hat man natürlich bald begriffen, dass es nicht ratsam ist, die angebotene Rauchware zwischen die Zähne zu klemmen, da statt des Feuers Reggies Faust geflogen kommt.
Für den naiven Tonfall der Erzählung ist Frances (Emily Browning) zuständig, die, geblendet von Ami-Schlitten und Ruhm, Reggies Frau wird und von den kriminellen Machenschaften nichts ahnt. Als sich ihr die Augen öffnen, kriegt sie die nicht mehr auf, weil sie von Schlägen verschwollen sind. Trotz des virtuosen Doppels von Tom Hardy ist die noch immer anhaltende Verehrung in England für das Brüderpaar nicht nachzuvollziehen. (p. a.)
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