Von Rücktritten und einem Rauswurf vor Rio

Österreichs Taekwondo-Verband steht ohne Nationaltrainer da. Der Zeitpunkt ist ungünstig: Heute fahren vier Tiroler zur Olympia-Quali.

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Aus gemeinsamen Tagen: Präsident Reza Zademohammad, Generalsekr. Martin Danler, die Sportler Christoph Decker und Enes Acikel, Ex-Nationaltrainer Manuel Mark, Koordinator Ramin Rey (h. v. l.), die Kämpferinnen Gabriela Dimitraskovic und Bianca Biricz.
© ÖTDV

Von Sabine Hochschwarzer

Innsbruck – „Olympia ist das Größte für mich“, schwärmt Christoph Decker. Damit steht der Innsbrucker Taekwondo-Kämpfer nicht allein da. Mit ihm, Enes Acikel, Gabriela Dimitraskovic und Bianca Biricz fliegen heute gleich vier Tiroler nach Istanbul, um sich dort am Wochenende beim Europa-Qualifikationsturnier den Traum vom Ticket für die Spiele in Rio zu sichern.

Ausgerechnet jetzt, zum sportlichen Höhepunkt, rumort es aber im Verband. Erneut. Zuletzt ging es um Deckers Antreten (die TT berichtete). Sportdirektor Mustafa Atalar, Bundestrainer Manuel Mark, Stützpunktcoach Roland Zaggl und Pressesprecherin Regina Singer, allesamt Tiroler, erklärten zum Jahreswechsel ihren Rücktritt. Vorausgegangen war ein Schrei­ben an die Spitze des Österreichischen Taekwondo Verbands mit Forderungen, an die ihr Verbleib geknüpft war.

„Das war Erpressung. Atalar wollte einen Fünfjahresvertrag und die alleinige Budget­hoheit erzwingen. Das geht nicht“, beschreibt ÖTDV-Generalsekretär Martin Danler. Verträge würden aufgrund der Förderungen nur für zwei Jahre gemacht, und dass einer alleine über öffentliche Gelder entscheide, sei unmöglich: „Egal, wie gut man sportlich auch abschneidet.“ Der nun ehemalige Bundestrainer Manuel Mark sieht die gestellten Forderungen hingegen keineswegs als utopisch an: „Es ging darum, einen weiteren Schritt Richtung Professionalität zu machen.“ Der Vertrag des ehemaligen zweifachen Vizeeuropameisters wäre im Gegensatz zu dem von Atalar noch ein weiteres Jahr gelaufen. Mark: „Ich konnte nicht mehr und sah für mich auch keine gemeinsame Zukunft mehr.“

Dass mit seinem Rücktritt jetzt zwei der vier Olympiakandidaten, Acikel und Biricz, ohne ihren gewohnten Trainer zum Turnier nach Istanbul fahren, ist bitter. Für beide Seiten. Verbandsfunktionär Danler bedauert, dass die Sache über den Köpfen der Sportler und zum jetzigen Zeitpunkt ausgetragen würde. Mark schickte beide zusätzlich zu seinem Coaching als Privattrainer zuletzt auch zum Training ins Innsbrucker Leistungszentrum, wo unter Gerhard Huber mit Christoph Decker ein weiterer der vier für Rio trainiert.

„Ich komme jetzt ungewollt zum Handkuss, aber wir werden das Beste draus machen“, bestätigt Huber, der nun anstelle von Mark nach Istanbul fliegt. Wenn die gewohnte Vertrauensperson fehle, sei das nicht optimal. Er hoffe aber, dass Acikel und Biricz ihm das Vertrauen schenken würden: „Sie haben alle in den letzten vier Jahren so viel investiert.“

Wie es nun weitergeht, ist offen. Die nächsten Gespräche folgen erst nach dem Qualifikationsturnier. Funktionär Danler spricht von einer bereits länger geplanten Umstrukturierung, vermehrt die erfolgreichen Vereinstrainer zu unterstützen – damit also auch in Zukunft die kürzlich zurückgetretenen Zaggl, Singer oder Mark. Der Verein von Atalar, der Innsbrucker Klub KSV Atalar, wurde allerdings ausgeschlossen. Destabilisierung des Verbandes, nannte der Generalsekretär als Grund für die Entscheidung des ÖTDV-Vorstands.


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