„Primanerin“ und „Mutter Aase“: Schauspielerin Ingrid Andree wird 85

Berlin (APA/dpa) - Ihre Karriere begann als Jungmädchendarstellerin im Kino der 50er-Jahre, später feierte sie auf der Theaterbühne Erfolge ...

Berlin (APA/dpa) - Ihre Karriere begann als Jungmädchendarstellerin im Kino der 50er-Jahre, später feierte sie auf der Theaterbühne Erfolge und war in etlichen Fernsehproduktionen zu sehen. Heute lebt Ingrid Andree, die am 19. Jänner 85 Jahre alt wird, zurückgezogen in Berlin. Interviews gibt sie keine mehr. Es bleibt die Erinnerung an eine grazile Schönheit von hanseatischer Contenance und oft koboldartigem Charme.

Die Ausnahmeschauspielerin, die ernsten und heiteren Rollen ungewöhnlich vielschichtige, oft konträre Facetten abzugewinnen vermochte, arbeitete im Theater mit Regisseuren wie Fritz Kortner, Gustaf Gründgens, Jürgen Flimm und Robert Wilson. Im Fernsehen sah man sie in Hauptmanns „Die Ratten“ und Shakespeares „Was ihr wollt“ - aber auch in Episoden von „Der Kommissar“, „Derrick“ und „SOKO Leipzig“.

Überschattet wird der Blick zurück von der tragischen Familiengeschichte der 1929 in Hamburg geborenen Kaufmannstochter: Jung starben ihr Ex-Ehemann, der genialische Kollege Hanns Lothar (1929-1967, „Eins, Zwei, Drei“) und ihre einzige, gleichfalls gefeierte Tochter Susanne Lothar (1960-2012, „Das weiße Band“). Früh verlor Andree, die für ihre beiden Enkel sorgt, auch ihren Schwiegersohn Ulrich Mühe (1953-2007, „Das Leben der Anderen“).

Dieses Schicksal steht jedoch in weiter Ferne, als die junge Aktrice 1951 im Liebesdrama „Primanerinnen“ neben Walter Giller ihre erste Leinwand-Hauptrolle übernimmt. Zu ihren größten Kinoerfolgen zählen dann die Rolle der Zouzou in der Thomas-Mann-Adaption „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (1957) sowie die Komödie „Peter Voß, der Millionendieb“ (1958) mit O.W. Fischer.

Ebenfalls 1951 erhält die in ihrer Heimatstadt ausgebildete Andree ihren ersten Part am dortigen Thalia Theater in Turgenjews „Ein Monat auf dem Lande“. Dem Haus soll sie mit Unterbrechungen über Jahrzehnte verbunden bleiben. Im Jahr 1971 holt Intendant Boy Gobert sie erneut ans Thalia. Nun brilliert sie etwa als Königin Elisabeth in „Maria Stuart“ unter Goberts Regie (1974). In der Flimm-Inszenierung „Peer Gynt“ 1985 gibt die Darstellerin eine bei vielen unvergessene Mutter Aase.

Doch Andree reüssiert auch auf anderen führenden Bühnen. So spielt sie 1959/60 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg Ägyptens Königin in Gründgens‘ Inszenierung „Cäsar und Cleopatra“ an der Seite des Meisters. Ist 1967 Kortners „Fräulein Julie“ an den Münchner Kammerspielen, 1989 der Alte Fritz in Wilsons Produktion „CIVIL warS“ am Schauspiel Köln.

An der Berliner Schaubühne erlebt man Andree 2005 in der Uraufführung von Marius von Mayenburgs Stück „Eldorado“. Insgesamt 40 Kino- und unzählige Theaterdarbietungen machen ihr Schaffen aus. Dafür wird die Zauberin voller Geheimnis, die Handwerk und Disziplin hoch schätzt, mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Doch auch auf anderen Feldern ihres Berufs bewegt sich die Künstlerin, die noch 2010 in Damir Lukacevics Science-Fiction-Film „Transfer“ über die Suche nach ewiger Jugend auftritt. Sie liest unter anderem Anne Franks Tagebuch als Hörbuch ein, gibt Kolleginnen wie Jean Simmons eine deutsche Stimme und macht sich nicht zuletzt als Prinzessin Konstanzia in der Gespenster-Hörspielserie „Hui Buh“ einem großen jüngeren Publikum vertraut.