Die Geheimnisse des Hedonisten

Sabine Gisiger erzählt in ihrem kurzweiligen Dokumentarfilm „Dürrenmatt. Eine Liebesgeschichte“ vom verborgenen Privatleben des Dramatikers.

© Thimfilm

Von Peter Angerer

Innsbruck –Nach zwölf Jahren bangem Warten wurden Reinhold und Hulda Dürrenmatt 1921 doch noch Eltern, aber Friedrich war ein „wildes Kind“, das nicht in den Pfarrershaushalt im dörflichen Stalden im Emmental passen wollte. Zur Beschwichtigung wurde 1924 Verena geboren, die in Sabine Gisigers Dokumentarfilm „Dürrenmatt. Eine Liebesgeschichte“ neben Dürrenmatts Kindern Peter, Jahrgang 1947, und Ruth, Jahrgang 1951, die Familiengeschichte erzählt. Den größten Schrecken jagte Dürrenmatt seinen Eltern mit der Eröffnung ein, die unsichere Existenz eines Schriftstellers wählen zu wollen. Dazu kamen die Ankündigungen seiner Verlobungen mit einer Malerin und einer Schauspielerin nur als Beleidigungen an die Adresse der besorgten Eltern. Mit seiner Absicht folgte der junge Schriftsteller ohnehin einer konservativen Tradition. „Ein Mann“, erzählt er in einer Archivaufnahme, „muss einen Karren ziehen“, damit ihn Bürde und Verantwortung nach vorne treiben. Seine endgültige Wahl fällt – 1946 – auf die Schauspielerin Lotti Geißler und tatsächlich beginnt Dürrenmatt auf seine Schreibmaschine einzuhämmern. 1947 bittet er die Eltern in das Schauspielhaus Zürich, um bei der Uraufführung seines ersten Theaterstücks „Es steht geschrieben“ Zeugen eines Triumphes zu werden, doch die Premiere endet mit einem handfesten Skandal, der den Pastorensohn seiner Maxime folgend in einen zwanghaften Schreibarbeiter verwandelt. Sein erster Kriminalroman „Der Richter und sein Henker“ erscheint 1950 als Fortsetzungsgeschichte, seine Stücke „Der Besuch der alten Dame“ (1956) und „Die Physiker“ (1962) machten ihn schließlich zum Weltstar und reich. Ingrid Bergman spielte in der Hollywood-Version „The Visit“ die Karla Zachanassian, Jack Nicholson war 2001 in Sean Penns Remake von „Das Versprechen“ zu sehen.

Die Schweizerin Sabine Gisiger, die in „Gambit“ (2000) die Dioxinkatastrophe von Seveso als spannenden Thriller und in „Guru – Bhagwan, His Secretary & His Bodyguard“ (2008) die esoterischen Fluchtversuche einer verunsicherten Generation in die Arme eines indischen Scharlatans als Satire erzählte, fand für ihren Dürrenmatt-Film 80 Stunden Filmmaterial mit dem grandiosen Selbstdarsteller, doch kein Wort über seine Familie. Zweifellos wollte Dürrenmatt Privates schützen, andererseits durften TV-Teams den Dramatiker in seinen Weinkeller begleiten oder beim Verspachteln üppiger Schlachtplatten filmen.

Die privaten Lücken über den schüchternen Hedonisten füllen die Schwester und die beiden Kinder, die auch zu Hause auf keine privaten Gespräche hoffen konnten. Sogar in der Trauer zog sich Dürrenmatt zurück. 1983, nach dem Tod seiner Frau Lotti, vergrub er deren Asche in einer einsamen Zeremonie in seinem Garten. Diese Geschichte hat sogar eine Pointe, denn nach seinem Tod ließ auch er sich 1990 an dieser Stelle von seiner zweiten Frau Charlotte Kerr begraben, ohne die bereits vergrabene Urne zu erwähnen.

Bei einer Rede zu Ehren des Bürgerrechtskämpfers Vaclav Havel bezeichnete er die Schweiz als Gefängnis, in dem „die Häftlinge auch ihre Wärter“ sind. Beim anschließenden Empfang wurde Dürrenmatt von den „anwesenden Wirtschaftskapitänen geschnitten“. An diese Isolierung war der Dramatiker gewohnt, sah er sich doch in der Rolle des „geduldeten Verrückten“.


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