Reha-Geld: Nur wenige schaffen Rückkehr

Zu krank für das Erwerbsleben? Zwei Jahre nach der Reform der Invaliditätspension ist eine Zwischenbilanz ernüchternd: Von 19.238 Reha-Geld-Beziehern sind aktuell nur 124 in einer Umschulung. Neuzuerkennungen gibt es um ein Drittel weniger.

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Von Liane Pircher

Innsbruck – „Rehabilitation vor Pension“. Das Ziel der Reform der Invaliditätspension, die seit 1. Jänner 2014 wirkt, war von Anfang an politisch klar. Menschen, die (vorübergehend) berufsunfähig sind, bekommen keine Pension mehr, sondern Reha-Geld. Die Umstellung sollte de facto eine von vielen Maßnahmen sein, um das effektive Pensionsantrittsalter nach oben zu drücken. Betroffen sind alle, die ab dem 1. 1. 1964 geboren sind. Sie sollen im Krankheitsfall medizinisch behandelt und

oder umgeschult werden, damit sie wieder arbeiten können – notfalls in einem anderen Beruf. Auf den ersten Blick funktioniert der Plan: So gab es österreichweit etwa um knapp 8000 weniger Neuzuerkennungen auf Berufsunfähigkeit bzw. Invalidität seitens der Pensionsversicherungsanstalt im zweiten Halbjahr 2015. Das ist um ein Drittel weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Heißt: Ärztliche Gutachter seitens der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) haben in diesen Fällen befundet, dass die Antragsteller überhaupt arbeitsfähig oder aber „nur“ vorübergehend arbeitsunfähig sind. „Den Großteil der Krankheiten machen psychiatrisch bedingte – 65 Prozent – aus, gefolgt von Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates“, erklärt Romed Sailer, Chefarzt der PVA Tirol. Wenn es um das Gutachten gehe, seien bestimmte Krankheiten „durchaus Grenzfälle“ in der Bewertung, insgesamt auffallend sei, dass die Zahl von jungen Menschen, die wegen eines aggressiven Karzinoms (Krebs) ausfallen, zugenommen habe. In Tirol gibt es beispielsweise pro Quartal im Schnitt 800 Anträge auf Invaliditätspension, tatsächlich floss Reha-Geld im Jahr 2015 in 1652 Fällen (siehe regionaler Vergleich Grafik oben). „Entscheidend für den Erfolg einer Reha ist sicherlich die positive Einstellung des Versicherten, wichtig ist, dass dieser versteht, dass eine Reha vorteilhafter ist als eine Pension“, erklärt Christian Bernard, Landesstellendirektor der PVA Tirol.

Sieht man sich an, wie viele der österreichweit 19.238 Reha-Geld-Bezieher (2015) eine berufliche Umschulung begonnen haben, sieht die Bilanz düster und damit weniger erfolgreich aus: Gerade einmal 124 Menschen sind aktuell in einer Umschulung. Das mag zum einen daran liegen, dass einem Gutteil der Betroffenen eine medizinische Reha im Zuge der Gutachten zugeteilt wird und keine berufliche. Zum anderen aber daran, dass ein beruflicher Umstieg, der zu den Ressourcen des Erkrankten passt, in der Praxis nicht so einfach umzusetzen ist bzw. es der ohnehin angespannte Arbeitsmarkt nicht hergibt. Sobald Umschulungsgeld fließt, ist in jedem Fall das AMS zuständig, geht es dagegen um eine medizinische Reha, treten so genannte Case-Manager, – eine Art persönlicher Coach, der begleitet – auf den Plan. In Tirol werden seitens der Gebietskrankenkasse aktuell 1595 Klienten so betreut. Für die Betroffenen ist es immer ein bürokratischer Hürdenlauf zwischen PVA, AMS und Krankenkassen. Viele Behandlungen bzw. Reha-Pläne dauern bis zu drei Jahre.

Es gibt sie trotzdem, die positiven Umschulungsfälle, sagt Rita Verest-Zach vom AMS Tirol. Im Rahmen des Beruflichen Bildungs- und Rehabilitationszentrums (BBRZ) gebe es auch Erfolge. Ein Beispiel von vielen: Ein 20-jähriger Krebspatient, dem die PVA nach zwei Jahren die vorübergehende Invaliditätspension aberkannte und ab diesem Zeitpunkt eine Erwerbsarbeit in Vollzeit für zumutbar hielt: Sein erlernter Handwerkerberuf wäre körperlich nicht mehr machbar gewesen, aber eine Umschulung zum bautechnischen Zeichner führte ihn zurück ins Berufsleben statt in die Pension. Je älter, desto schwieriger werde es mit der Umschulung, räumt das AMS jedoch ein. Im schlimmsten Fall landen Betroffene, die durch das Auffangnetz der PVA fallen, in der Mindestsicherung.


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