Roman mit seltsamen Bildern: William Boyd über starke Fotografin

Berlin (APA/dpa) - Eine paar Einfälle William Boyds für „Die Fotografin - Die vielen Leben der Amory Clay“ bleiben nach 550 Seiten auf jeden...

Berlin (APA/dpa) - Eine paar Einfälle William Boyds für „Die Fotografin - Die vielen Leben der Amory Clay“ bleiben nach 550 Seiten auf jeden Fall hängen. Dass die Ich-Erzählerin detailliert Formen und Größen der Penisse ihrer Bettpartner beschreibt, etwa. Oder, dass Amory zeitlebens eine Behauptung ihres Onkels austestet, wonach „vier wohlgewählte Adjektive ausreichen, um jeden Menschen erschöpfend zu beschreiben“.

„Selbstgefällig, ängstlich, mächtig, bedroht“ nennt sie die Ehefrau ihres ersten Liebhabers im New York der 30er Jahre. „Meine hübsche, sture, kluge, schwierige Tochter“ schreibt sie drei Jahrzehnte später über Blythe, als sie das darüber geschockte Teenagermädchen für einen Fotografenjob im Vietnam-Krieg verlässt und für immer verlieren wird.

Spätestens nach 30 Seiten hat man wohl zwangsläufig den Namen der Titelheldin gegoogelt. Diese robuste, selbstbewusste Frau muss es doch wirklich gegeben haben. Zum Auftakt des Romans präsentiert Boyd ein Schwarz-Weiß-Foto der badenden Amory aus dem Jahr 1928, dann ein Strandbild mit ihrer Mutter. Blythe und ihre Zwillingsschwester Annie sind als süße Mädels genauso im Bild zu studieren wie Arbeitsproben der Profi-Fotografin Clay aus dem verruchten Berlin der 20er, bei einem Londoner Faschisten-Marsch 1936 und als Berichterstatterin im Zweiten Weltkrieg.

Sie arbeitet zwischendurch notgedrungen als wenig frohe Hochzeits- sowie Folklore-Fotografin im Schottland der 60er Jahre. Eine Folge der Trunk- und Spielsucht von Blythes und Annies adligem Vater. Amory Clay wird auch damit fertig. Wie sie überhaupt, bis hin zum letzten Lebensabschnitt mit Krankheit und der Frage Freitod oder nicht in einem (natürlich abgebildeten) Cottage auf einer einsamen Landzunge alle Wechselfälle ihrer 70 Lebensjahre bewältigt.

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William Boyd (63) legte zuletzt mit „Solo“ eine Fortsetzung der James-Bond-Serie vor. Das Echo war gemischt. Im neuen Buch greift dieser erstklassige Erzähler im Grenzgebiet zwischen unterhaltsamer Thriller-Spannung sowie anspruchsvoller Zeit- und Personenschilderung auf eine schon durchgetestete Technik zurück: 1998 führte der Brite die New Yorker Szene mit der frei erfundenen Biografie des „viel zu früh vergessenen“ Künstlers Nat Tate (auf Deutsch 2011) auf Glatteis, das unter einigen einbrach. Das (natürlich bebilderte) Buch und dessen Präsentation, unter anderem mit David Bowie, fielen so glaubwürdig aus, dass Zeitgenossen sich plötzlich und öffentlich wieder an eigene Erlebnisse mit Tate erinnern konnten. Den es nur leider nie gegeben hat.

Auch Amory Clay erweist sich bei der Internet-Recherche als erfundene Figur. Die vorgeblich dokumentarischen Fotos bekommen einen unangenehmen Hauch von Trickserei, wenn man begreift, das Boyd den Text passend zu seinen Fotoalbum-Funden von irgendwoher geschrieben haben muss. Was der Unterhaltung nicht Abbruch tun muss.

Ähnliches lässt sich über die Hauptfigur sagen: Eine starke Frau mit einem interessantem Leben in hochinteressanten Zeiten. Leider bleiben die Zeiten und Schauplätze in diesem Buch genauso unverbunden und ohne Ausleuchten von Zusammenhängen oder Widersprüchen nebeneinanderstehen wie verschiedene Phasen im Leben der Fotografin. Nahe kommt man Amory Clay auf diesen 550 elegant geschriebenen Seiten nie, wird aber immer hübsch in Lese-Atem gehalten.

(S E R V I C E - William Boyd: „Die Fotografin. Die vielen Leben der Amory Clay“, Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky und Ulrike Thiesmeyer. Berlin Verlag, 556 S., 24,70 Euro)


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