Ein zweites Leben für Müll

Lampen aus Vinyl-Platten, Schmuck aus Treibholz oder Taschen aus Video-Hüllen: Sechs Tiroler werfen alte Dinge nicht weg, sondern verwerten sie auf kreative Weise.

Ein alter Regenschirm wird bei Herrmann und Lutz zum Rock.
© Thomas Boehm / TT

Von Miriam Hotter

Innsbruck –Für den einen ist es Müll, für Mike Landauer und Johanna Schauer eine kleine Goldgrube: alte, oft zerkratzte Briefkästen, die beim Aufmachen quietschen. In der Werkstatt des Innsbrucker Ehepaars stapeln sich rund ein Dutzend solcher Postfächer, die einst in Wohnhäusern hingen. „Alte Dinge haben einen besonderen Charme“, sagt die 32-jährige Pharmazie-Studentin.

In den vergangenen zwei Jahren wurden in Wien etwa eine Million Postkästen ausgetauscht. Die ausgedienten Teile wurden großteils verschrottet. „Wir sind mit einem Anhänger nach Wien gefahren, um ein paar Briefkästen zu retten und mitzunehmen“, erinnert sich Mike Landauer, der hauptberuflich Hörimplantate herstellt.

Bei Johanna Schauer und Mike Landauer werden Musikkassetten und Vinyl-Platten zu Lampen oder alte Briefkästen zu Tischen.
© Andreas Rottensteiner / TT

Unter dem Namen „WiltenDesign“ verkauft das Ehepaar die alten Briefkästen als kleine Tische. Upcycling nennt sich das, wenn Altes zu Neuem umgemodelt wird. 390 Euro kostet das neue Möbelstück samt Schlüssel für die einzelnen Postfächer. „Drei Tage dauert es etwa, bis ein Tisch fertig ist. Die Arbeit macht uns großen Spaß, aber vor allem geht es uns darum, Altes zu bewahren“, sind sich die Hobby-Bastler einig.

In ihrer Werkstätte erstrahlen auch alte Musikkassetten oder Vinyl-Platten in neuem Glanz: Binnen fünf Stunden machen die Innsbrucker daraus einen Lampenschirm im Wert von 140 bzw. 150 Euro. Die Idee dazu hatte der weibliche Teil des kreativen Teams. „Ich habe eine Vision. Mein Mann muss sie dann nur noch umsetzen“, lacht Schauer.

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Als Visionäre könnte man auch Manuel „Janus“ Mair (30) aus Wörgl und seine Freundin Verena Huber (25) bezeichnen. Seit August 2015 sammeln die beiden regelmäßig Treibholz, das der Inn ans Ufer geschwemmt hat. Daraus basteln sie Ohrringe, Halsketten und Ringe. Es sind alles Unikate, mit Ecken und Kanten und abgewetzten, scheckigen Oberflächen. „Diesen Look kriegt man synthetisch gar nicht hin“, sagt Mair, der seine Brötchen (noch) als Webdesigner und Programmierer verdient.

Manuel Mair bastelt mit seiner Freundin Verena aus Treibholz Schmuckstücke wie Halsketten, Ringe und Ohrringe.
© Andreas Rottensteiner / TT

Bevor er und seine Freundin überhaupt ans Werk gehen können, muss das feuchte Holz mehrere Monate, wenn nicht sogar Jahre, getrocknet werden. „Sonst wird es rissig“, erklären die beiden.

Nachdem das Holz schließlich getrocknet, in kleine Kreise geschnitten und anschließend geschliffen wurde, nimmt Mair einen speziellen Laser zur Hand. „Damit brenne ich Motive auf das Holz. Das dauert circa eine Stunde.“ Dabei handle es sich meist um esoterische Symbole wie den Lebensbaum oder die Hand der Fatima.

Bevor das Holz mit veganem Kokosöl versiegelt wird, erhält jedes Schmuckstück den Schriftzug „NatureCraft“.Vegan sind auch die dünnen Bänder, die als Halskette dienen. „Statt Leder verwenden wir Baumwolle“, erklärt Mair. Logisch, dass er sich auch vegan ernährt. „Ich wurde 2015 sogar zu Deutschlands attraktivstem Veganer gekürt“, erzählt der Wörgler stolz.

Für noch mehr Aufsehen will Mair allerdings mit einem eigenen Film über seine Kunst sorgen, der nächste Woche online gehen soll. Mit den Einnahmen hofft das Paar, sich einen schnelleren Laser leisten zu können. Mit dem alleinigen Verkauf der Schmuckstücke, die zwischen 15 und 35 Euro kosten, sei das nämlich kaum machbar.

Zwei kreative Köpfe: Carmen Herrmann (l.) und Bettina Lutz nähen Taschen aus alten Airbags oder Video-Hüllen.
© Thomas Boehm / TT

„Geht nicht gibt’s nicht“ scheint hingegen das Motto von Carmen Herrmann und Bettina Lutz zu sein. Die beiden Innsbruckerinnen verwerten alles wieder, was ihnen in ihre flinken Hände kommt. „Eines unserer ersten Projekte waren Handtaschen, die wir aus den Hüllen alter Videokassetten gebastelt haben“, erzählt Lutz. Das erste Modell trägt den Titel „2001: A Space Odyssey“.

Den Innenbreich der Taschen nähen die beiden aus alten Kochschürzen oder aus dem Stoff von Billardtischen und verzieren ihn mit dem Schriftzug „Bugline“. „,Bug‘ heißt auf englisch Käfer. Weil es so viele unterschiedliche Käfer auf der Welt gibt, haben wir uns für den Namen entschieden. Unsere Taschen sind ja auch alle verschieden“, erklärt Herrmann. Im letzten halben Jahr fanden rund 30 Taschen für 28 Euro eine neue Besitzerin.

Die Freundinnen haben sich in ihrem Studium der Erziehungswissenschaft kennengelernt und in ihrer Freizeit oft „stundenlang irgendetwas genäht“. Dabei entstand u. a. die Idee, alten Airbags neues Leben einzuhauchen und sie zu Taschen weiterzuverarbeiten. „Wir haben Schrotthändler gefragt, ob wir alte Airbags haben dürfen“, sagt Herrmann. Et voilà: Sieben ausrangierte Airbags landeten kurzerhand bei den Freundinnen. Das Meisterstück der Innsbruckerinnen ist allerdings ein alter, mit Edelweiß verzierter Regenschirm, den sie zu einem Rock umnähten. „Der Schirm wäre auf dem Müll gelandet. Wir haben ihm ein zweites Leben geschenkt“, sagt Lutz.


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