Offensive von Syriens Regime in Aleppo - Aktivisten: Bisher 500 Tote

Damaskus/Moskau/Ankara (APA/dpa/Reuters/AFP) - Bei den heftigen Kämpfen nördlich der syrischen Großstadt Aleppo sind in den vergangenen Tage...

Damaskus/Moskau/Ankara (APA/dpa/Reuters/AFP) - Bei den heftigen Kämpfen nördlich der syrischen Großstadt Aleppo sind in den vergangenen Tagen mehr als 500 Menschen ums Leben gekommen. Unter den Opfern der Offensive des Regimes von Präsident Bashar al-Assad mit Unterstützung russischer Luftschläge seien über 100 Zivilisten, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Mittwoch mit.

Die meisten Todesopfer stammten demnach mit 274 von der mit dem sunnitisch-islamistischen Terrornetzwerk Al-Kaida verbundenen Al-Nusra-Front. Aufseiten der Regierungstruppen seien 143 Kämpfer gestorben.

Seit Anfang Februar rücken Assads Einheiten in der Schlüsselregion mit russischer Hilfe gegen Rebellen vor. Die massiven Bombardements Russlands zwangen Zehntausende Bewohner zur Flucht in Richtung Türkei. Trotz internationaler Appelle verweigert die Türkei, die schon Hunderttausende Syrer aufgenommen hat, ihnen an der Grenze aber bisher die Einreise. Laut UNO-Angaben sitzen im Grenzgebiet 31.000 Menschen fest, 80 Prozent von ihnen sind Frauen und Kinder. Nach Angaben von Hilfsorganisationen sind die Lebensbedingungen in den Camps katastrophal.

Die Türkei rechnet wegen der heftigen Kämpfe um Aleppo mit Hunderttausenden weiteren Flüchtlingen aus dem Bürgerkriegsland. Die Behörden in Ankara befürchten außerdem, dass Kämpfer der Jihadistengruppe „Islamischer Staat“ (IS) über die Grenze einsickern könnten. Am Mittwoch stoppte die Armee in der Grenzstadt Karkamis eine Gruppe von 34 Menschen, die vier Sprengstoffwesten und mehrere Kilogramm Sprengstoff bei sich trugen. Laut einem Bericht der Zeitung „Hürriyet“ sollten die Rucksäcke möglicherweise als Hab und Gut von Flüchtlingen ausgegeben und so in die Türkei geschmuggelt werden. Vor einem Monat hatte ein aus Syrien eingereister mutmaßlicher IS-Anhänger bei einem Selbstmordanschlag in Istanbul elf deutsche Touristen getötet.

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Die von Saudi-Arabien unterstützten Gegner Assads stellten unterdessen weiterhin Vorbedingungen für eine Teilnahme an weiteren Friedensgesprächen in diesem Monat. Man werde sich daran beteiligen, wenn die russischen Luftangriffe beendet würden und die Bevölkerung in von ihr kontrollierten Gebieten Hilfslieferungen erhielten, sagte der Sprecher der Gruppe, Salim al-Muslat, am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters. Zuvor hatte er noch gesagt: „Wir haben keine Vorbedingungen.“

Als Reaktion auf die verstärkten Kämpfe in Syrien hatten die Vereinten Nationen die Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der Opposition in Genf bis Ende Februar ausgesetzt. Bereits am Donnerstag beraten in München die Außenminister der Staaten, die die Gespräche im Herbst initiiert hatten, über einen Ausweg aus der Lage. Auch Muslat kündigte eine Teilnahme in München an.

Die USA bekamen Kritik für ihre Syrien-Politik vonseiten der Opposition sowie der Türkei zu spüren. Muslat forderte Washington auf, sich doch stärker für ein Ende der russischen Luftangriffe einzusetzen. Erst sie haben dazu geführt, dass Assads Truppen auf dem Vormarsch sind.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verurteilte die US-Unterstützung für kurdische Gruppen in Syrien scharf. Washington habe durch seine Weigerung, die Kurdenpartei PYD und ihren bewaffneten Arm als Terrororganisation einzustufen, ein „Blutbad“ in der Region angerichtet, sagte er in Ankara. Zwischen den USA und der Türkei schwelt seit Monaten ein Streit über die Rolle der Kurden im syrischen Bürgerkrieg. Die USA unterstützen die Partei der Demokratischen Union (PYD) und ihren bewaffneten Arm, die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG), militärisch. Für Washington sind die Kurden wichtige Verbündete im Kampf gegen die Jihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) in Syrien. Aus Sicht der türkischen Führung sind PYD und YPG allerdings „terroristische Organisationen“ und stehen auf einer Stufe mit der in der Türkei aktiven Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Am Dienstag hatte Ankara wegen der Meinungsverschiedenheiten laut Medienberichten den US-Botschafter ins Außenministerium zitiert. Hintergrund waren Äußerungen von US-Außenamtssprecher John Kirby, der gesagt hatte, die PYD sei aus Sicht der USA „keine Terrororganisation“.

Russland erwartet von den Münchner Syrien-Gesprächen einen positiven Effekt für den Friedensprozess. Es sei wichtig, alle zentralen Fragen durchzugehen, um der Lösung des Syrien-Konflikts neuen Schwung zu verleihen, sagte die Sprecherin des Außenministeriums in Moskau, Maria Sacharowa. Das Wichtigste sei, dass es Bewegung gebe, betonte sie.

Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen kritisierte unterdessen das russische Vorgehen im Syrien-Konflikt. „Russland treibt ein doppeltes Spiel“, sagte die CDU-Politikerin der Wochenzeitung „Die Zeit“. „Es überzieht einerseits die Bevölkerung von Aleppo mit einem Bombenteppich - und setzt sich gleichzeitig bei den Wiener Friedensgesprächen dafür ein, dass in Syrien nicht jede staatliche Ordnung verloren geht und zwischen den Konfliktparteien wieder Vertrauen entsteht.“

Zur Vorbereitung des Münchner Treffens telefonierte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier am Mittwoch mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow. Über Einzelheiten schwiegen sich beide Seiten aus. An der Konferenz nehmen Außenminister und andere hochrangige Vertreter aus insgesamt 17 Staaten teil, darunter die USA, Russland, Saudi-Arabien, Iran und die Türkei. Diese fünf Länder haben eine Schlüsselrolle bei den Bemühungen um ein Ende des seit fünf Jahren andauernden Bürgerkriegs.

Die Kämpfe zwischen Regierungsarmee und Rebellen dauerten am Mittwoch an. Unter anderem wurden aus dem nördlich von Aleppo gelegenen Tamura Gefechte gemeldet. Die russische Luftwaffe habe außerdem die Rebellenhochburg Tal Rafaat bombardiert, teilte die Beobachtungsstelle weiter mit. Der syrische Bürgerkrieg dauert seit fast fünf Jahren an. Mehr als 260.000 Menschen wurden getötet.


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