“Vinyl“: Die Welt passt auf eine Scheibe

Mit Mick Jagger und Martin Scorsese ziehen zwei Superstars die Fäden bei der neuen HBO-Serie „Vinyl“, die die New Yorker Musikszene der 1970er aufleben lässt.

© HBO

Von Silvana Resch

Innsbruck –Seit dem Ende der 1970er-Jahre ist der Verkauf von Schallplatten kontinuierlich zurückgegangen, Mitte der 2000er-Jahre wurde jedoch die Trendumkehr eingeläutet – es geht steil bergauf. Musikliebhaber schätzen den weichen Klang von Vinyl, ein pophistorisch aufgeladenes Hörerlebnis, dem Elektronikhersteller mit neuen, smarten Plattenspielern Rechnung tragen.

Retromania herrscht auch am heiß umkämpften Serienmarkt. Netflix will mit einer auf Beatles-Songs basierenden Zeichentrickserie jüngere Zuschauer ansprechen. Der Streamingdienst hat Musiker wie Pink, Birdy oder Pearl-Jam-Sänger Eddie Vedder verpflichtet, die Songs neu zu interpretieren.

Zurück in die goldenen Tage der Musikindustrie, schwerreich dank ihres „schwarzen Goldes“, den Schallplatten, führt indes HBO, der künstlerisch anspruchsvolle Pionier des US-Kabelfernsehens. Die zehnteilige Serie „Vinyl“, die der Bezahlsender Sky ab 14. Februar parallel zur US-Ausstrahlung in Originalfassung zeigt, fährt mit großen Namen auf: Mick Jagger und Martin Scorsese fungieren als Produzenten und Ideengeber. Scorsese führte zudem beim knapp zweistündigen Pilotfilm Regie. Darin wirft er einmal mehr einen wehmütigen Blick auf das New York der 1970er-Jahre, auf eine Zeit, als Sex, Drugs und Rock’n’Roll mehr als ein geflügeltes Wort waren. Labelboss Richie Finestra (Bobby Cannavale) ist ein Held, wie man ihn von Scorsese kennt: Er steckt in einer existenziellen Krise, kokst und säuft sich die halbseidene Welt erträglich. Seine Figur, irgendwo zwischen liebevollem Ehemann (Olivia Wilde spielt seine Frau), Musikfreak und skrupellosem Labelboss gezeichnet, gibt aber auch nach der Auftaktfolge weiter Rätsel auf.

Doch in die Musik, die mal dröhnend pulsiert, mal sachte daherkommt, mischt sich etwas Neues. Mit den New York Dolls bahnt sich Punk lautstark krachend den Weg, Disco und Hip-Hop sind am Start. Aufregende Zeiten, blöd nur, dass sich Finestra in dem teils etwas zähen Pilotfilm immer tiefer ins Unglück reitet. Das von ihm gegründete Label American Records soll an die deutsche Polygram verkauft werden. Der Deal mit Led Zeppelin ist geplatzt und von seinen Mitarbeitern scheint nur die von Juno Temple gespielte Labelassistentin den richtigen Riecher zu haben. Mick Jaggers Sohn James gibt den jungen Rocksänger Kip Stevens. Mit einem „goldenen Ohr, silberner Zunge und bronzenen Eiern“ ist aber nur der Boss ausgestattet. Die Grabenkämpfe mit einem durchgeknallten Radioboss führen Finestra aber schließlich an seine Grenzen. „Radio hat den Rock’n’Roll erfunden“, ist ein Argument, das ihn sprachlos macht.

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Serienschöpfer Terence Winter („Boardwalk Empire“, „Sopranos“) hat mit dem Rock der 1970er und dem grandiosen Set viel auf der Habenseite. „Vinyl“ dürfte den Zuschauer immer tiefer und tiefer in diese Welt ziehen, auch wenn der Auftakt recht gemächlich daherkommt. Das Autotelefon in Finestras Mercedes-Benz macht beinahe vergessen, dass sich die Welt damals in einer anderen Geschwindigkeit gedreht hat.


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