Harald Wurm: „Ich bin absolut ein Bauernopfer“

Eine Hausdurchsuchung beendete im August 2015 die Karriere des Vomper Weltcup-Langläufers Harald Wurm (31). Dopingmissbrauch steht im Raum, der zweifache Familienvater weist aber jede Schuld von sich.

Die Heim-WM 2019 in Seefeld hätte noch einmal zum großen Ziel werden können – es sollte anders kommen für Harald Wurm.
© gepa/kelemen

Vomp – Einst war Harald Wurm U23-Weltmeister (2006), Olympia- und WM-Starter. Nach einer Hausdurchsuchung geriet der Langlauf-Sprinter in Dopingverdacht, am 19. Februar soll am Innsbrucker Landesgericht ein Verfahren wegen Sportbetrugs eröffnet werden. Der Tiroler Tageszeitung erklärte Harald Wurm, warum er sich keiner Schuld bewusst sei und dass ihn sein Karriereende keineswegs belasten würde.

In Händen halten Sie einen Brief Ihres Anwalts, in dem es um die Dopingvorwürfe gegen Sie geht. Was entnehmen Sie daraus?

Harald Wurm: Es gibt keine Beweise, das Verfahren wurde am 26. Jänner eingestellt. Es hieß, ich sei Händler, Dealer, alles, dass ich alles lagern würde bei mir zuhause; dass ich derjenige sei, der Blutdoping in Österreich organisiere. Die haben behauptet, dass bei mir im Keller in Kühlschränken Blutkonserven von mehreren Sportlern lagern würden und Wachstumshormone, Gerätschaften zur Blutabnahme – deswegen hatte ich die Hausdurchsuchung. Es gibt keine Beweise, jetzt wurde das eingestellt.

Ein Verfahren steht dennoch an. Jetzt legt man sich seitens der Staatsanwaltschaft auf Sportbetrug fest, dass Sie also die Sponsoren durch den Ihnen vorgeworfenen Dopingmissbrauch ...

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Wurm: ... betrogen hätte.

Das wäre in der Form in Österreich neu, man kennt so ein Verfahren bislang nur von Ex-Radler Lance Armstrong.

Wurm: Woher das kommt, weiß ich nicht. Die behaupten auch, dass ich Summen verdient hätte, die es niemals gab. Das ist für mich unerklärlich, aber mein Gott, da muss ich jetzt durch.

Sie haben Ihrerseits den Österreichischen Skiverband (ÖSV) wegen Rufschädigung verklagt?

Wurm: Ich habe noch gar keinen verklagt! Mein Anwalt hat einen Brief an den ÖSV geschrieben: dass nämlich das, wie es gehandhabt wurde (Aussendung über Dopingverdacht, Anm.), nicht korrekt sei, dass das eine Vorverurteilung sei. Ich habe nur gesagt, dass ich eine Klage wegen Rufschädigung in Erwägung ziehe.

Sie sehen sich im Recht und wollen das auch nach außen tragen.

Wurm: Ich prüfe alle Möglichkeiten. Ich will zuerst meine Geschichte erledigt haben. Dann muss ich mit meinem Anwalt reden und will wissen: Wer hat mich geschädigt? Da geht es auch um den anonymen Tippgeber, der behauptet, dass ich alles (Dopingpräparate etc., Anm.) zuhause hab. Ich werde alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, wenn ich sehe, dass mich wer geschädigt hat.

Haben Sie einen Verdacht, wem an Ihrer Bloßstellung, wie Sie das empfinden, gelegen sein könnte?

Wurm: Ich weiß nicht, wer das war, es gibt verschiedenste Gerüchte. Irgendeiner aus dem Skiverband, hieß es einmal, oder ein Wahnsinniger aus einem anderen Bereich, der mir ans Bein pinkeln möchte.

Dieses Gerücht ist bekannt.

Wurm: Auch ich habe die Vermutung, dass der, der mich angeschwärzt hat, einer aus dem privaten Umfeld ist, der mir ein Ei legen will. Eine komplizierte Geschichte, da geht es auch um Rache, weil dieser einiges über uns Langläufer erzählt hat. Mehr möchte ich nicht sagen, aber ich habe eben diese Vermutung, die Akteneinsicht kommt erst.

Geht es darum, Sie zu desavouieren? Oder hat jemand mit dem Österreichischen Skiverband eine Rechnung offen, der mit Langläufern in der vergangenen Jahren (Dürr, Causa Turin, Anm.) immer wieder in Verruf gekommen war?

Wurm: Ich kann mit 100 Prozent Sicherheit sagen, dass im Skiverband nichts läuft, dass dir niemand was anbietet, dass nichts organisiert wird.

Auch Cheftrainer Gerald Heigl stellte seine Tätigkeit ruhend. Ein Indiz?

Wurm: Ihm blieb nichts anderes übrig.

Dem medizinischen Umfeld kommt große Bedeutung zu. Ließe sich im System des Österreichischen Skiverbands etwas verbessern, um den Sportlern zu helfen?

Wurm: Die ÖSV-Leute sagen schon: Ihr müsst aufpassen. Aber wenn ich an deren Stelle wäre, würde ich mehr Geld investieren und die medizinische Betreuung, auch den Umgang mit Nahrungsergänzungsmitteln, ein bisschen besser machen, dass da nicht jeder für sich allein rumpfuscht. Dass man sagt: Okay, ihr seid jetzt in der Nationalmannschaft. Da gibt es einen Betreuer, der geht jetzt mit euch alles durch, und der sagt euch: Das und das ist sauber, das nehmt ihr und aus. Und das müsste auch finanziert werden, die Mittel kann sich kein Langläufer leisten.

Wie erlebten Sie die Hausdurchsuchung bei sich im August?

Wurm: Ich war nicht einmal zuhause, nur meine Frau und meine Kinder. Ich war beim Trainingskurs in Oberhof. Es dauerte zwei Tage, bis ich wusste, worum es geht. Das Haus meiner Eltern und von uns (Doppelhaus, Anm.) wurde komplett durchsucht.

Bei Ihnen soll eine Blutzentrifuge gefunden worden sein.

Wurm (lacht): Wenn sie eine Zentrifuge gefunden hätten, hätte man das Verfahren mit dem Dopingparagrafen nicht eingestellt.

Manche meinen, selbst so ein Instrument sei im Ausdauersport allgemein nicht ungewöhnlich. Der Sportler wäre selbst auf Trainingssteuerung angewiesen.

Wurm: Du bist immer im Graubereich, das gilt für Laktat und vieles mehr, du müsstest immer einen Arzt dabeihaben. Doch wer finanziert das? Welcher Arzt stellt sich hin und macht das für ein Butterbrot? Ein Laktatmessgerät, Geräte für den Harnstoff haben viele zuhause, ein Zuckerkranker testet sich ja auch selbst.

Wie geht es Ihnen nach dieser Angelegenheit privat?

Wurm: Ich habe am Anfang noch trainiert und weitergekämpft, vergangenes Jahr aber dann mit dem Spitzensport abgeschlossen. Mir fehlte die Rückendeckung, ich war das schwarze Schaf, der Doping-ich-weiß-nicht-Was, der ärgste Dopingguru in Österreich. Es war nicht einfach. Du lebst in einem Dorf, viel wird hintenherum geredet.

An Ihnen machte man die neuerliche Kampagne gegen den Langlaufsport fest.

Wurm: Ja sicher, ich bin absolut ein Bauernopfer. Für die NADA (Antidopingagentur, Anm.), für die Rechtskommission bin ich Statistik. Da haben sie was, und ich kann mich nicht wehren, weil ich mir das nicht leisten kann, gegen so eine Organisation anzutreten.

Was steht jetzt ganz oben auf Ihrer Liste?

Wurm: Ich konzentriere mich auf das Wesentliche, das Strafrechtliche, da geht es um die Wurst. Ob ich jetzt drei oder vier Jahre gesperrt werde, ist mir egal. Ich habe meine Lebensplanung geändert. Ich habe einen super Job (Zollbeamter, Anm.), der macht mir Spaß, ist eine Herausforderung. Ich habe jetzt andere Gedanken: Meine Familie, ich habe mir das Freizeitticket gekauft und gehe mit meinen Kindern Ski fahren.

Welche sportlichen Ziele hätten Sie noch gehabt?

Wurm: Es wäre nicht einmal sicher gewesen, dass ich weitergemacht hätte, das hing auch von Sponsorverträgen ab. Da ging es nur ums Überleben, nicht ums Reichwerden. Ich bin quasi gezwungen worden zum Aufhören, habe das aber akzeptiert. Sicher ärgert es mich: Heim-WM 2019 in Seefeld, vielleicht geht noch was. Jetzt bin ich weg und ich bin froh darüber. Es ist jetzt ein anderes Leben.

Was hat sich geändert?

Wurm: Ich merke das allein beim Einkaufen. Als Sportler hast du immer den Druck: Regeneration, in welchem Einkaufszentrum stehe ich und wie lange, was ist mit Bakterien? Oder: Bleibe ich zu lange auf, trinke ich ein Bier zu viel? Jetzt tue ich, worauf ich Lust habe.

Wie treten Ihnen ehemalige Langlaufkollegen gegenüber?

Wurm: Ein paar haben mich abgestempelt, mit denen habe ich null Kontakt. Da weißt: Wer war dein Freund – und wie wenig waren es eigentlich, die zu dir gehalten haben. Es ist blöd gelaufen, aber man muss es eh nehmen, wie es ist. Ich sehe das Ganze nicht als Mordstragödie, dass meine Karriere beendet wurde.

Das klingt ganz so, als würden Sie absolut keinen Hass hegen.

Wurm: Nur auf den, der das (Dopingvorwurf, Anm.) behauptet hat. Mir ist das wurscht, aber für meine Familie, meine Eltern, meine Frau tut mir das sehr leid, da kann ja keiner was dafür. Das gilt auch für die Langlaufkollegen, die jetzt eine schwere Zeit haben. Ich selbst schaffe das: Wenn du als Leistungssportler keine Niederlagen verkraftest, dann darfst du nicht Leistungssport machen.

Das Gespräch führte Florian Madl


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