„Wirtschaftsflüchtlinge“ stranden immer häufiger in Belgrad

Belgrad (APA) - Vor der Holzbude im Park neben dem Belgrader Busbahnhof drängt sich an diesem Nachmittag eine Gruppe junger Männer. Sie unte...

Belgrad (APA) - Vor der Holzbude im Park neben dem Belgrader Busbahnhof drängt sich an diesem Nachmittag eine Gruppe junger Männer. Sie unterhalten sich lebhaft mit Zeljko, einem Helfer der nicht-staatlichen Organisation des Senders „B-92“, welche die Anlaufstelle für Flüchtlinge führt, während sie an der Theke ihre Handys aufladen, oder darauf warten, an die Reihe zu kommen.

Seit einigen Tagen sind im Park neben dem Busbahnhof wieder vermehrt Flüchtlinge zu sehen. Wochenlang waren sie aus dem Stadtbild verschwunden, nachdem Serbien vergangenen Herbst damit begonnen hatte, die Flüchtlinge mit Zügen direkt von der mazedonischen Grenze bis zur Grenze zu Kroatien zu bringen. Nun sind sie wieder da. Aber die Situation hat sich verändert.

Die Männer, die bei der Bude am Busbahnhof warten, sind laut den serbischen Behörden „Wirtschaftsflüchtlinge“. Als solche gelten ohne weitere Prüfung alle, die nicht aus den drei Ländern Syrien, Irak oder Afghanistan stammen. Seit Mitte November wird ihnen die Einreise nach Serbien verweigert. Deshalb sind diese Männer über inoffizielle andere Wege nach Belgrad gekommen. Meist werden sie von Schleppern gegen viel Geld bis nach Belgrad gebracht. Laut Eingeweihten liegt der Preis für die Reise derzeit bei rund 1.000 Euro pro Person. Die Flüchtlinge selbst reden ungerne darüber.

Zeljko, der 20 Jahre lang in Libyen lebte und sich eigentlich wegen des Krieges gezwungen sah, in seine serbische Heimat zurückzukehren, bemüht sich, den Flüchtlingen zu helfen, die zu ihm kommen. Mal nur mit einem warmen Tee oder einem Kleidungsstück, manchmal hilft er ihnen mit einem Busticket weiter. Bis nach Ruma, einer Stadt an der Grenze zu Kroatien, kostet dies Busfahrt rund fünf Euro. Die Taxifahrer verlangen einen vielfach höheren Preis.

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Und nicht nur auf dieser Strecke versuchen sich manchen an den Flüchtlingen zu bereichern. Mitarbeiter der NGO gelang es erst kürzlich wieder einmal, einen Taxifahrer daran zu hindern, einer syrischen Familie mit Kleinkindern rund 40 Euro für eine 150-Meter-Strecke abzuknöpfen.

Manch ein „Wirtschaftsflüchtling“ strandet im Park, weil ihm das Geld für die Schlepper ausgegangen ist. So wie dem 25-jährige Marokkaner, der auf einer niedrigen Mauer unter dem Dachvorsprung des Busbahnhofes sitzt. Seit Tagen ist dies ein Zuhause für ihn und seine Freunde. In der Hoffnung, eine Möglichkeit für die Weiterreise zu finden, verbringen sie die Nächte in ihren Schlafsäcken unter dem Dachvorsprung. Auf einem Stück Karton, um nicht direkt auf dem Beton zu schlafen.

Die „Unsichtbaren“, wie die sogenannten „Wirtschaftsflüchtlinge“ in Serbien auch genannt werden, haben meist keine Personaldokumente, auch keine Aufenthaltsgenehmigung der serbischen Behörden, wie sie den anderen Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan an der Grenze ausgestellt wird. Ihre Zahl ist bisher nicht besonders hoch, mit jedem Tag werden es aber immer mehr. Auch Probleme seien dann nicht mehr auszuschließen, warnte Rados Djurovic vom Belgrader Asyl-Hilfezentrum in einem Gespräch mit der APA.

Die „Unsichtbaren“ haben weder die Möglichkeit eine Unterkunft in einem Flüchtlingszentrum zu bekommen noch in ein Hotel zu gehen. Dafür bräuchten sie Personaldokumente. Chancen auf Asyl in Serbien haben sie praktisch keine. Die meisten wollen ohnedies weiter Richtung EU. Denn in einem Land, in dem die Arbeitslosigkeit nach offiziellen Daten bei gut 16 Prozent liegt, gibt es praktisch keine Existenzaussichten für sie.

In jüngster Zeit gibt es vermehrt Berichte, wonach einige versuchen durch den Zaun an der ungarischen Grenze weiter zu kommen. Immer wieder kommt es aber auch vor, dass Flüchtlinge, die es bis nach Belgrad geschafft hat, angesichts der trostlosen Situation in die Heimat zurückkehren wollen. Auch das ist ohne gültige Personaldokumente kein leichtes Vorhaben, erzählen Helfer im Park bei dem Busbahnhof. Schon in der nahen Zukunft, wenn die Grenzen auf der Flüchtlingsroute auch für die legalen Flüchtlinge geschlossen werden, dürfte sich die Situation weiter zuspitzen.


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