Kalte Töne in kargen Landschaften

„Brokeback Mountain“ in Charles Wuorinens Kammerfassung als österreichische Erstaufführung.

© Anna-Maria Löffelberger

Von Jörn Florian Fuchs

Salzburg –Schon die ersten Töne verbreiten eine ziemlich karge Atmosphäre. Rau und trocken klingt es aus dem Graben. Und ähnlich trist bleibt es denn auch den ganzen Abend. Charles Wuorinen, gebürtiger New Yorker des Jahrgangs 1938, ist spürbar bemüht, die Liebesgeschichte zweier schwuler Cowboys nicht in pathetischen Pomp zu kleiden. Die Partitur bietet wenig Sinnlichkeit, lässt kaum Raum für Emotionen und wirkt dabei spieltechnisch ziemlich anspruchsvoll.

Ständige Tempi- und Taktwechsel fordern den Mitgliedern des Salzburger Mozarteumorchesters ein Höchstmaß an Präzision ab. Eine starke Leistung, die ohne Adrian Kellys präzise Schlagtechnik am Pult sicher nicht möglich gewesen wäre. Sängerisch ist hier wahrlich ein All-Star-Cast versammelt, die Titelhelden werden von Florian Plock (Ennis del Mar) und Mark Omvlee (Jack Twist) brillant interpretiert, Raimundas Juzuitis gibt den grimmigen Aufseher Aguirre mit starken dunklen Bögen, aus der Vielzahl von Mittel- oder Nebenfiguren ragen James Moellenhoff (Hogboy), Anna Maria Dur (Mrs. Twist) und Hailey Clark (Alma Beers) heraus. Charles Wuorinens Oper wurde 2014 in Madrid unter der Intendanz von Gerard Mortier uraufgeführt, Mortier war es auch, der Salzburgs Intendant Carl Philip von Maldeghem die österreichische Erstaufführung nahelegte. Wourinen hat für das Landestheater eine Kammerfassung für vierundzwanzig Musiker, inklusive eines häufi­g halbsolistisch agierenden Saxophonquartetts, erstellt.

Man versteht die Intention des Komponisten, die sinnlichen, zeitweise leicht kitschigen Stimmungen des vielfach prämierten Films gerade nicht auf die große Opernbühne zu übertragen. Doch das, was Wuorinen anbietet, ist denn doch zu dürftig, nämlich vor allem laute, harte Kopfmusik. Nur wenn die ineinander verliebten Jungs auf dem Brokeback Mountain ins Zelt schlüpfen, hört man wirklich „dramatische“ Musik, wobei dramatisch hier eher „plakativ“ bedeutet, Stichwort: brüllende Blechorgasmen.

Regisseur Jacopo Spirei zeigt das Geschehen auf einer recht spartanischen Bühne (Eva Musil), in die Styropor-Berglandschaft schieben sich immer wieder weitere Spielorte. Es geht sehr züchtig zu, die von ihren Männern enttäuschten Damen sind uramerikanische Klischee-Püppchen, denen es an echtem sexuellem Charisma mangelt. Das zentrale Manko: man sieht (und hört) einfach nicht, dass hier erotische Urkräfte walten, die Existenzen durcheinanderwirbeln und vernichten. Die Zärtlichkeiten der Cowboys erschöpfen sich im gemeinsamen Biertrinken, nach den äußerst kurzen Begegnungen im Zelt nesteln sie verschämt an ihren jeweils eigenen Hosen herum. Mit Verlaub, man muss (und will) ja durchaus nicht immer alles sehen, aber ein bisschen mehr „zur Sache“ könnte es da schon gehen.

Im zweiten Teil des Abends wird es etwas spannender, auch weil man sich nun an den kalten Soundtrack gewöhnt hat. Immerhin gibt es jetzt auch mehr wirklichen Gesang, vorher lag manches auf der Schwelle zwischen Sprache und Melos.

Das Publikum wirkte während der Aufführung nicht gerade enthusiastisch, zeigte sich am Ende jedoch geradezu euphorisch und feierte vor allem den freundlich-gutmütig wirkenden Komponisten mit Standing Ovations.


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