Chefankläger: Urteil gegen Karadzic kommt nicht zu spät

In Kürze wird das Urteil gegen den ehemaligen bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal erwartet.

UN-Chefankläger Serge Brammertz.
© AFP

Den Haag – Das bevorstehende Urteil gegen den ehemaligen bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic beweist nach Ansicht von UN-Chefankläger Serge Brammertz, dass Kriegsverbrecher auch noch nach vielen Jahren zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Obwohl der Prozess gegen Karadzic sehr lange gedauert habe, sei es „nie zu spät“ für ein Urteil, sagte der belgische Jurist.

Es gehe vor allem um Gerechtigkeit für die Opfer, hieß es weiter. Das Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien will am 24. März sein Urteil gegen Karadzic verkünden. Karadzic war im Juli 2008 in der serbischen Hauptstadt Belgrad gefasst worden, nachdem er sich 13 Jahre lang versteckt gehalten hatte. Der Prozess wurde im Oktober 2009 eröffnet, die Plädoyers wurden im Oktober 2014 gehalten. Die Anklage beantragte lebenslange Haft, Karadzic bezeichnete sich als unschuldig.

Eines der wichtigsten Urteile

Das Haager Tribunal habe „viele wichtige Prozesse“ geführt und „viele wichtige Urteile“ gefällt, sagte Brammertz. Das Urteil gegen Karadzic sei aber „eines der wichtigsten in der Geschichte des Tribunals“. Es beweise, dass Politiker „für das Leid ihres eigenen Volkes“ zur Rechenschaft gezogen würden.

Die Anklage warf dem 70-jährigen Karadzic vor, nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens im Jahr 1991 „ethnische Säuberungen“ in den von Serben beanspruchten Teilen Bosniens vorgenommen zu haben. Muslime, Kroaten und andere Bevölkerungsgruppen wurden demnach systematisch vertrieben.

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Die Hinrichtung von rund 8000 muslimischen Buben und Männern in Srebrenica im Juli 1995 ist zentraler Bestandteil der elf Anklagepunkte gegen Karadzic, dem Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen werden.

Brammertz sagte, er sei fest davon überzeugt, dass Kriegsverbrecher zur Rechenschaft gezogen werden müssten, „um der Aussöhnung eine Chance zu geben“. Gleichwohl könne das Kriegsverbrechertribunal aber nicht „jede einzelne Vergewaltigung und jedes Massaker“ ahnen. Das sei auch für die Mitarbeiter des Tribunals „eine große Enttäuschung“.

Ranghöchster Verurteilter

Karadzic muss sich auch wegen der 44-monatigen Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo verantworten, bei der bis zum November 1995 nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen etwa 10.000 Zivilisten getötet wurden. Insgesamt wurden im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 etwa 100.000 Menschen getötet und mehr als zwei Millionen vertrieben.

Nach dem Tod des ehemaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic – er war 2006 tot in seiner Zelle im Gefängnis des UN-Tribunals aufgefunden worden – ist Karadzic nun der ranghöchste Politiker, gegen den wegen Verbrechen während des Bosnienkriegs ein Urteil gesprochen wird. Auch der ehemalige bosnisch-serbische Militärchef Ratko Mladic muss sich unter anderem wegen des Massakers von Srebrenica in Den Haag verantworten. Das Urteil gegen den Ex-General wird erst 2017 erwartet. (APA/AFP)


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