Völkermord in Srebrenica: 40 Jahre Haft für Karadzic

Der bosnisch-serbische Ex-Präsident Radovan Karadzic wurde vom UNO-Tribunal in Den Haag in zehn von elf Anklagepunkten schuldig gesprochen. Sein Anwalt legte Berufung ein. In Bosnien löste das Urteil unterschiedliche Reaktionen aus.

In der serbischen Hauptstadt Belgrad marschierten nach dem Schuldspruch in Den Haag Nationalisten zum Protest auf.
© imago stock&people

Den Haag - Der bosnisch-serbische Ex-Präsident Radovan Karadzic ist vom Den Haager UNO-Tribunal zu 40 Jahren Haft wegen des Völkermordes in Srebrenica verurteilt worden. Karadzic sei „strafrechtlich verantwortlich“ für die Tötung von 8.000 Männern und Burschen in der ostbosnischen Stadt, sagte Senatsvorsitzender O-Gon Kwon. Die Anklage hatte lebenslange Haft gefordert. Karadzic will gegen das Urteil in Berufung gehen, kündigte sein Anwalt an.

Freispruch in einem Punkt aus Mangel an Beweisen

Insgesamt wurde Karadzic in zehn von elf Anklagepunkten schuldig gesprochen, in einem Völkermord-Anklagepunkt wurde er aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Für die sieben ostbosnischen Gemeinden Kljuc, Sanski Most, Prijedor, Vlasenica, Foca, Zvornik und Bratunac gebe es keine Beweise, dass ein Völkermord stattgefunden habe, befanden die Richter.

Dem heute 70-Jährigen wurde die jahrelange Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo und eine Kampagne zur Vertreibung bosnischer Muslime und Kroaten aus den Städten des Landes zur Last gelegt. Der Prozess gegen ihn hatte im Jahr 2009 begonnen.

Unter Karadzics Oberbefehl stürmten serbische Truppen 1995 zudem die UNO-Schutzzone im bosnischen Srebrenica und ermordeten 8.000 muslimische Burschen und Männer. Das Massaker von Srebrenica gilt als schlimmstes Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Wegen Srebrenica hatte das UNO-Tribunal bereits mehrere lebenslängliche Urteile gesprochen. Insgesamt wurden 100.000 Menschen im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 getötet.

Karadzic versuchte Vorwürfe herunterzuspielen

Karadzic, der im Jahr 2008 nach jahrelanger Flucht in Belgrad festgenommen worden war, versuchte noch kurz vor der Urteilsverkündung, die Vorwürfe herunterzuspielen. So seien in Srebrenica nur einige hundert Personen erschossen worden, sagte er dem Internetportal BRIN am Mittwoch. „Keine Übertreibung kann uns helfen, Verständnis und Frieden unter uns zu errichten“, sagte Karadzic mit Blick auf gesicherte Berichte zur Opferzahl in Srebrenica. Im Laufe des Prozesses behauptete Karadzic, dass auch jene Einwohner Srebrenicas zu den Opfern des Massakers gezählt worden seien, die in den Kämpfen mit bosnisch-serbischen Truppen ums Leben gekommen seien.

Eine eigene Version hatte Karadzic im Laufe des Prozesses auch zur 44-monatigen Beschießung der Hauptstadt Sarajevo durch bosnisch-serbische Truppen. Die 16.000 Todesopfer in Sarajevo seien „Kollateralopfer“ der Kriegshandlungen gewesen. Eine Erklärung hatte er auch für die zu Kriegsbeginn errichteten Konzentrationslager für Nicht-Serben bei Prijedor. Die Lager seien ein Versuch gewesen, diese personen in „Schutz“ zu nehmen.

Bosnien nach Urteil gespalten

In Bosnien löste das Urteil unterschiedliche Reaktionen aus. „Es geht ihm gut, er hat uns allerdings für alle Zeiten verurteilt“, kommentierte die Angehörige von sechs Srebrenica-Todesopfern, Mejra Djogaz, gegenüber dem TV-Sender N1. Im Srebrenica-Massaker hatte Djogaz nicht nur ihren Mann und drei Söhne, sondern auch einen Enkel und ihren Vater verloren. Sie hätten niemanden etwas Übles angetan, sagte sie.

Das Urteil werde nur eine „weitere Zuspitzung“ der Situation in Bosnien-Herzegowina herbeiführen, zeigte sich der bosnisch-serbische Präsident Milorad Dodik überzeugt. Unter bosnischen Serben war vor der Urteilsverkündung die Befürchtung spürbar, dass sich die Verurteilung von Karadzic - der Prozess gegen den einstigen bosnisch-serbischen Militärchef Ratko Mladic ist noch im Gange - auf das Schicksal ihrer Entität auswirken könnte. Denn während des Krieges war die Republika Srpska, heute ein Bestandteil des komplizierten bosnischen Staatsgebildes, nur eine selbstproklamierte Schöpfung, die durch Terror und Gewalt an den Nicht-Serben ihr Gebiet ausweitete. Auch Srebrenica, der Schauplatz des schrecklichsten Massakers während des Bosnien-Krieges, gehört seit Juli 1995 zur Republika Srpska.

In dem seit dem Kriegsende als Ost-Sarajevo bekannten, von Serben bewohnten Stadtviertel der bosnischen Hauptstadt waren am Donnerstag Plakate mit Abbildungen von Karadzic und dem serbischen Ultranationalisten Vojislav Seselj und der Unterschrift „Serbische Helden“ aufgetaucht. Unterzeichnet wurden sie von der Serbischen Radikalen Partei Seseljs. Für den Parteichef soll in Den Haag am kommenden Donnerstag das Urteil verkündet werden. Kurz nach der Urteilsverkündung hat Seselj seine Anhänger im Belgrader Stadtzentrum versammelt. (TT.com, APA/AFP)


Schlagworte