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Krise oder Aufbruch? Britischer Zeitungsmarkt in Bewegung

„Lügenpresse“-Vorwürfe muss sich die britische Presse derzeit nicht anhören, Probleme hat sie trotzdem. Am Samstag ist der letzte „Independent“ auf Papier erschienen. Anderswo in London glaubt man an die Zukunft des Gedruckten und bringt eine neue Zeitung auf den Markt.

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Die letzte gedruckte Ausgabe des Independent.
© Reuters/Toby Melville

Von Teresa Dapp, dpa

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London – „Konservative versuchen, Talfahrt des Sterling aufzuhalten“: Die erste Schlagzeile des britischen Independent, vom 7. Oktober 1986, würde auch heute niemanden überraschen. Nur, dass sich damals Margaret Thatcher damit herumschlagen musste, und heute David Cameron. Knapp 30 Jahre, nachdem eine der jüngsten Zeitungen Großbritanniens erstmals an den Kiosken lag, ist diesen Samstag Schluss für die Druckausgabe: Der Independent, den man politisch als mitte-links verordnen kann, geht komplett online. Zieht er nur sein Sterben in die Länge oder ist das wegweisend?

Für Besitzer Evgeny Lebedev ist die Sache klar. „Wir hatten eine Wahl: den kontinuierlichen Niedergang der Druck-Ausgabe zu verwalten oder die digitale Grundlage, die wir gebaut haben, in einen nachhaltige, profitable Zukunft umzuformen.“ Die Tageszeitung und die Sonntagsausgabe gehen daher online, den Ableger i verkauft er. Mit dem Niedergang der Druckausgaben war der Independent nicht alleine.

Weniger verkaufte Zeitungen, Online kostenpflichtig

Allgemein gesprochen sind die Auflagen der landesweiten britischen Zeitungen über die vergangenen Jahre gefallen, während Nutzerzahlen der Online-Portale steigen. „Man kann nicht nur sagen, dass Zeitungen sterben, es ist eine Änderung des Nutzeverhaltens“, sagt eine Sprecherin der Branchendienstes Audit Bureau of Circulation (ABC), der Auflagenzahlen beobachtet.

Die Gesamtzahl der verkauften Blätter fiel von Frühjahr 2014 bis Frühjahr 2015 um 7,6 Prozent – von 7,6 Millionen täglich auf gut 7 Millionen, wie der Guardian auf Basis der ABC-Zahlen errechnete. Entsprechen sinken die Werbeeinnahmen. Nach wie vor testen Medien, wie sie online Geld verdienen können.

Bezahlschranken sind in Großbritannien schon länger und weiter verbreitet als in Österreich und Deutschland – von der Sun bis zu Financial Times. „Ich verstehe nicht, wie Zeitschriften funktionieren können in einer Welt, in der man für Inhalte nicht zahlen muss“, sagt Zanny Minton Beddoes, Chefredakteurin des wöchentlich erscheinenden Economist. Und fügt hinzu: „Der Inhalt muss dafür dann aber auch gut genug sein.“

Independent-Website seit drei Jahren profitabel

Der Economist setzt dafür oft auf Titelthemen, die nicht Nachrichten im strengen Sinn sind, sondern „den Horizont unserer Leser erweitern“, wie Minton Beddoes es ausdrückt: Künstliche Intelligenz, Designer-Babys, das Recht auf Sterben, Kontroverses.

Auch wenn das Wochenmagazin „für die absehbare Zukunft“ das Herzstück der Marke Ecomonist bleiben soll, setzt Minton Beddoes auf Soziale Medien und die Website. „In einer Zeit des digitalen Umbruchs können wir nicht davon ausgehen, dass Leute uns nur wöchentlich lesen wollen.“ Ob und wann Gedrucktes komplett von Digitalem abgelöst wird, will sie nicht sagen. Zwar falle die Zahl der Print-Abos, und die der Online-Abos steige. „Aber wir haben noch viele Abonnenten, die eine gedruckte Ausgabe beziehen, und ich erwarte, dass das so bleibt.“

Beim Independent sieht man das anders. „Die Leser haben die Entscheidung für uns getroffen“, sagt Christian Broughton, Chefredakteur des Online-Independent, im Podcast „Mediafocus“. Nur noch ein Prozent der Leserschaft sei von der Druckausgabe gekommen, seit drei Jahren sei die Website profitabel.

In diese Stimmung hinein erregt eine neue Zeitung Aufsehen - und zwar eine, die nicht einmal eine Website hat. Der New Day sei die erste eigenständige, landesweit erscheinende Tageszeitung seit dem Independent-Start 1986, brüstet sich der Verlag Trinity Mirror, der mit dem Mirror politisch linken Boulevardjournalismus macht. Das neue Blatt richtet sich vor allem an Frauen, es soll „optimistisch“ und politisch neutral sein.

Die Entscheidung für New Day sei aus der Not heraus gefallen, sagt Chefredakteurin Alison Phillips dem Guardian. Um Mirror-Leser zurückzugewinnen, hätte man die Zeitung umkrempeln müssen. Ein neues Blatt schien einfacher. Besonders erfolgreich startete New Day aber nicht. Trotz eines Einführungspreises von 25 Pence kletterten die Verkaufszahlen nicht auf die erhofften 200.000. Derzeit sollen sie bei 90.000 liegen. Der Verlag äußerte sich auf Nachfrage nicht, bei ABC ist New Day noch nicht registriert.

An die Zukunft des Gedruckten glaubt Chefredakteurin Phillips trotzdem, wie sie sagt. Wer zu viel auf den Bildschirm schaue, habe ein schlechtes Gewissen. „Das ist mit Gedrucktem völlig anders. Damit verbindet man weiterhin, dass es etwas Gutes ist.“


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