Zaha Hadid gab der Architektur den Formenluxus zurück

Zaha Hadid ist tot. Innsbruck verdankt der international gefragten Stararchitektin mit der Bergiselschanze eines seiner Wahrzeichen.

Zaha Hadid vor der Serpentine Sackler Gallery in London (Archivfoto, 2013).
© APA/AFP/LEON NEAL

Von Edith Schlocker

Innsbruck – Das jahrelange Rasen von Wettbewerb zu Wettbewerb, von Baustelle zu Baustelle, von Vortrag zu Vortrag war für den Körper von Zaha Hadid offensichtlich zu viel: Gestern ist die international gefeierte Architektin in Miami völlig überraschend an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben.

Die 1950 in Bagdad in eine weltoffene muslimische Familie hineingeborene Architektin war nicht nur von ihrem opulent inszenierten Äußeren her eine beeindruckende Persönlichkeit, sie hat durch ihre dekonstruktivistisch kurvigen Bauten die Architekturgeschichte des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts wesentlich mitgeschrieben.

Zum Studium an der renommierten Architectural Association School of Architecture kam die 22-Jährige nach London, wo sie zehn Jahre später ihr eigenes Büro eröffnen sollte. Nachdem sie als Mitarbeiterin von Rem Koolhaas begriffen hatte, dass Bauen viel mehr als das Konstruieren von mehr oder weniger spektakulären Hüllen bedeutet, sondern dass es beim Machen von Architektur um das Kreieren von Energiezentren von Menschen für Menschen geht. Von Hadid formuliert als fast kalligrafisch lesbare Zeichen, die mit Geschichte und Geschichten aufgeladen sind.

Reaktionen

Innsbrucks Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer würdigte die Verstorbene: „Zaha Hadid war ein Ausnahmetalent. Die Modernität ihrer Bauten ist fordernd für Betrachter und Nutzer zugleich, in deren Einzigartigkeit sind sie zudem herausragend. Ihr plötzlicher Tod macht mich betroffen.“

Stadtrat Gerhard Fritz

zollte der verstorbenen Architektin Tribut: „Zaha Hadid hatte ein Verständnis von Städtebau wie kaum jemand anderer. Die Hungerburgbahn, deren zeitgemäß gestalteten Stationen sich stilvoll ins Stadtbild Innsbruck einfügen, ist nur eines der vielen Beispiele dafür. Die Architekturszene verliert durch Hadids Tod eine wahre Größe.“

Mit dem Ableben von Zaha Hadid habe man eine „der erfolgreichsten und bekanntesten Architektinnen unserer Zeit“ verloren,

meinte Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ)

in einer ersten Reaktion. Die irakisch-britische Stararchitektin habe „mehr als bloße Berührungspunkte mit unserem Land aufgewiesen“, bezog er sich auf Lehrtätigkeiten sowie die diversen in Österreich realisierten Projekte Hadids.

Gerade an der Universität für Angewandte Kunst in Wien habe sie dazubeigetragen, dass das Institut für Architektur heute „einen Ruf als eine der bedeutendsten Ausbildungsstätten“ besitze. „Die herausragende Qualität ihrer Entwürfe und Werke hat sie mehrmals auch in Österreich unter Beweis gestellt.“

Auch an der Angewandten zeigte man sich bestürzt vom plötzlichen Tod Hadids. „Sie hat 15 Jahre lang an unserer Universität Studierende begleitet und viele von ihnen auf ihren Weg in internationale Karrieren unterstützt bzw. ihnen diese ermöglicht“, wurde

Rektor Gerald Bast

in einer Aussendung zitiert. Hadid sei nicht nur eine international anerkannte Architektin, sondern auch „eine visionäre und leidenschaftliche Professorin“ gewesen.

Mit dieser Art, Architektur quer zum postmodernen Zeitgeist zu denken, hat Zaha Hadid viele Jahre lang zwar Wettbewerb um Wettbewerb gewonnen, realisiert wurde aber lange fast nichts. Zu risikoreich waren vielen der potenziellen Bauherren die scheinbar keiner konkreten Logik folgenden Entwürfe der kompromisslos ihren Weg verfolgenden Architektin. Mit Entwürfen, in denen die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft gesetzt zu sein scheinen, dafür unmittelbar mit der Landschaft zu tun haben, in die sie gesetzt werden sollen, genauso wie mit ihrer Funktion.

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Doch die schräge Ästhetik, die die ganz frühen Arbeiten Hadids – wie etwa ihre für Vitra in Weil am Rhein aus keilförmig ineinander verschachtelten Bauteilen konstruierte „Feuerwache“ – bestimmt hat, hat sich zum Bedauern nicht weniger bald abgeschliffen zugunsten von elegant gerundeten Baukörpern von eigenwilliger Dynamik. Die auch für die Sprungschanze charakteristisch ist, die Hadid 2002 als elegant geschwungene „Riesenpfeife“ für den Innsbrucker Bergisel entworfen hat. Die in ihrer Zeichenhaftigkeit längst neben dem „Goldenen Dachl“ zum wichtigsten Wahrzeichen für die Tiroler Landeshauptstadt geworden ist.

Die Hadid sehr geliebt hat. Erinnere sie Innsbruck doch an Beirut, wo sie studiert hat und im Winter täglich Ski gefahren sei, so die Architektin anlässlich der Eröffnung der ebenfalls von ihr geplanten Stationen für die Hungerburgbahn. Entworfen als organisch geformte Gebilde aus transluzentem Glas, was Assoziationen mit dem Eis von Gletschern provozieren sollte. Nicht zuletzt als Ausdruck eines Formenluxus, den sie in die Architektur zurückbringen wollte. Wobei Hadid ihre Ideen ganz altmodisch auf einem Blatt Papier zu skizzieren pflegte, transformiert in baubare Realität am Computer von einer ganzen Schar von Mitarbeitern.

Hadid hat nicht nur in aller Welt gebaut, Museen – zuletzt das Messner Mountain Museum am Südtiroler Kronplatz –, Bibliotheken, Universitäten und Schwimmstadien genauso wie Geschäfts- und Wohnhäuser. Sie hat auch Schuhe, Autos, Teppiche und Möbel entworfen sowie Bühnenbilder und Kostüme für Tanztheater kreiert. Und die Pritzker-Preisträgerin des Jahres 2004 hat auch viel und gerne unterrichtet, u. a. 15 Jahre lang an der Wiener Angewandten.

Das neue Learningcenter (r.) am neuen Campus der WU im Prater in Wien.
© APA/MIEL SATRAPA
Die Brücke über den Inn der neuen Standseilbahn auf die Hungerburg.
Die Hungerburgbahn wurde durch Zaha Hadid zu einem Wahrzeichen Innsbrucks.
© Leitner

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