Top Secret: Die Arbeit am größten Datenleck der Geschichte

Ein anonymer Informant versorgte Journalisten mit einer unfassbar großen Menge an Daten. Eine Mammut-Aufgabe, daraus Puzzleteile zusammenzusetzen – welche die Aufdecker unter strengster Geheimhaltung durchzogen.

(Symbolfoto)
© Reuters/Pawel Kopczynski

Von Matthias Sauermann

München/London/Wien – 2,6 Terabyte – diese riesige Menge an Dokumenten stellt bisherige Datenlecks wie die Wikileaks-Dokumente von 2010 bei weitem in den Schatten. Zugespielt wurden diese Millionen an Dokumenten wie E-Mails, PDFs und Fotodateien von einem anonymen Informanten aus dem Umfeld der Finanzkanzlei Mossack Fonseca der Süddeutschen Zeitung. Finanziell entschädigt werden wollte er nicht. Die Journalisten wurden vor ein Dilemma gestellt: Erstens war die Datenmenge unüberschaubar, zweitens war man aufgrund der Brisanz der Informationen in ständiger Gefahr, die Daten könnten angegriffen werden.

Frederik Obermaier vom SZ-Investigativteam erzählt in einem Interview, welches die Zeitung online publizierte, von dem darauf folgenden Prozess. „Diese Datenmenge konnten wir nicht alleine bearbeiten. Mit unserem Team hätten wir dafür mehr als 20 Jahre gebraucht“, meint Obermaier.

Hunderte Journalisten arbeiteten am Projekt „Prometheus“

Deshalb entschied man, sich Hilfe zu holen – von Kollegen aus anderen betroffenen Ländern. „Wir glauben an die internationale journalistische Kollaboration“, so Obermaier. Man holte sich renommierte Blätter wie den britischen Guardian oder die französische Le Monde ins Boot. Aus Österreich war das Magazin Falter und der ORF eingebunden. 400 Journalisten aus 80 Ländern waren schlussendlich an der Aufarbeitung beteiligt. Auch das internationale Netzwerk von Investigativjournalisten ICJ war an Bord.

Die Journalisten machten sich also gemeinsam an ein historisches Projekt – und tauften es auf den Namen „Prometheus“. Benannt nach dem Raumschiff, das in ferne Galaxien aufbricht, um Übel von der Menschheit abzuwenden – wie der Falter schreibt.

Arbeit unter höchster Geheimhaltungsstufe

Was den Journalisten sofort klar war: Sie begaben sich mit diesem Datensatz in die Höhle des Löwen – und machten sich potenziell zum Ziel von Angriffen. Die Dokumente mussten geschützt werden – und das Projekt unterlag deshalb größter Geheimhaltung. So wurden die Daten beispielsweise nur auf Computern gelagert, die keinen Kontakt zum Internet hatten – aus Angst vor Angriffen, erzählt Obermaier. Er war von Anfang an mit der Arbeit betraut.

Ein eigener Projektraum wurde für das Enthüllungsteam der Süddeutschen Zeitung eingerichtet, in dem nur das Team Zutritt hatte. Nicht einmal die Chefredaktion durfte hinein, erklärt Obermaier lächelnd. „Auch keine Putzkolonne hatte Zutritt. Heute [am Tag der Veröffentlichung, Anm.] wurde also zum ersten Mal seit einem Jahr gesaugt.“

Die Arbeit musste auch in der Kommunikation mit den anderen beteiligten Journalisten vor den Augen dritter geschützt werden. Es fanden Treffen in aller Welt statt, auch ein speziell gesichertes Forum wurde verwendet. „Es war auch für uns spannend, ob wir das [die Geheimhaltung, Anm.] wirklich durchhalten, ob nicht etwas durchsickert“, erzählt Obermaier.

Bemühungen deckten „Scheinwelt“ auf

Die ein Jahr dauernde Recherche hat sich gelohnt. In vielen Staaten sind die daraus abgeleiteten Geschichten am heutigen Montag Thema Nummer eins – und werden das wohl noch lange Zeit bleiben.

Die komplizierten Rechercheergebnisse fasst Obermaier so zusammen: „Es gibt eine geheime Schattenwelt, in der unheimlich viel Geld fließt. Geld, das eigentlich versteuert gehört. Mit diesem Geld könnte man Krankenhäuser und Kindertagesstätten aufbauen. Diese Welt hilft auf der anderen Seite Kriminellen, ihr Handeln zu verschleiern.“


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