Zürich: Barrie Kosky inszenierte Verdis „Macbeth“ als Psychodrama

Zürich (APA/sda) - Barrie Kosky hat Verdis Schotten-Oper „Macbeth“ als halluzinatorisches Nachtstück inszeniert: ein Psychodrama, das inners...

Zürich (APA/sda) - Barrie Kosky hat Verdis Schotten-Oper „Macbeth“ als halluzinatorisches Nachtstück inszeniert: ein Psychodrama, das innerste Abgründe auslotet. Premiere war am Sonntag im Opernhaus Zürich.

Es wäre ebenso naheliegend wie banal, die blutrünstige Geschichte um Macbeth und dessen machtbesessene Gattin, die den Thron durch Meuchelmord und Intrige usurpieren, zu aktualisieren; heutige Beispiele gäbe es zuhauf. Kosky sieht glücklicherweise davon ab. Seine Regie verzichtet strikt auf jegliches Theaterbrimborium und erzeugt durch Reduktion und Monochromatik eine atemberaubende Dichte und erschütternde Schlüssigkeit.

Keine wabernden Dämpfe. Kein Theaterblut. Keine Hexen ums glimmende Feuer mit dem Topf, in dem magisches Gebräu brodelt. Kein wüstes Gelage. Kein Wald von Birnam, der gespenstisch vorrückt. Nichts als Finsternis! Der schwarz ausgeschlagene Bühnenraum wird lediglich durch vier gegen hinten perspektivisch zusammenlaufende Lichterreihen definiert und gleichzeitig im Vagen belassen: ein düsterer Korridor, leer und dennoch klaustrophobisch. Klaus Grünberg hat einen in seiner Radikalität geradezu genialen Nichtraum entworfen.

Unterstrichen wird der Eindruck des Kerkers durch zwei wannenförmige Leuchtkörper, die wechselweise ovale Lichtinseln auf den Boden werfen, in welchen die Protagonisten in schwarzen, archaisch anmutenden, mantelartigen Kostümen wie Gefangene agieren (Klaus Bruns).

Wie in der Partitur in einmaliger Konsequenz angelegt, sind die Nebenrollen - ausgenommen Banco und Macduff (Wenwei Zhang mit fülligem Bass; Pavol Breslik mit strahlkräftigem Tenor) - szenisch an den Rand gedrängt, um den Fokus schonungslos auf das monströse Paar zu lenken.

Sie wie auch der hervorragend nuancierte Chor singen mehrheitlich aus dem Off. Nur selten tritt der Chor als schwarz verhüllte Masse auf, flatternd und wogend, gleichsam surreale Inkarnation jener unheimlichen Nachtvögel, die im Text als Unheil verkündende Boten der Finsternis mehrmals evoziert werden. Deren Schwingen und schwarze Federn für Blut und Tod stehen. Und die in bewegten Rabenattrappen realistische Gestalt gewinnen. Selbst harmlose Luftschlangen, die das schauerliche Bankett des 2. Akts feuerwerksartig animieren, werden zur unheilvollen Verstrickung.

Buchstäblich nacktes Grauen manifestiert sich in einer Schar menschlicher Leiber: Frauen, Männer und Geschöpfe dazwischen. Wie in den Jenseitsvisionen auf Gemälden mittelalterlicher Maler verdichtet sich ihre Blöße in grausiger Beleuchtung zu qualvollen Knäueln, welche die Protagonisten umzüngeln, umgarnen, heimsuchen: Hexen, Opfer, Erinnyen, alles zugleich. Fleischgewordene Albträume, die die Grenzen zwischen Realität und Wahn zerfließen lassen.

Ohne die Handlung auf der Oberfläche zu bebildern, verknüpft sich so das Geschehen auf der Bühne eng mit der suggestiven Klangwelt von Verdis Musik. Mit einer Schärfe sondergleichen durchleuchtet Teodor Currentzis die Partitur, setzt markige Akzente und lässt feinstes Piano glühen, ja, selbst die häufigen Pausen vibrieren vor bedrohlicher Spannung.

Schrill groteske Züge, abgrundtiefe Schwärze, dramatische Zuspitzung - Currentzis zeichnet nicht nur äußerst plastisch, er weiß auch präzis zu koordinieren. Und die glänzend disponierte Philharmonia Zürich folgt ihm beherzt.

Das ausnahmslos exzellente Sängerensemble fügt sich perfekt in dieses Konzept. Titelrollenträger Markus Brück scheut sich nicht, stimmlich mitunter an die Grenze zu gehen und seinen kraftvoll strömenden Bariton zum Flüstern zurückzunehmen, um so der gebrochenen Figur des Macbeth seelische Tiefenschärfe zu verleihen: ein großes verderbtes Kind und willenloses Werkzeug seiner Triebe. Und seiner Gattin.

Dieser Lady Macbeth gibt Tatiana Serjan glutvolles, schillerndes Profil. Auch sie stellt ihren höhensicheren Sopran ganz in den Dienst der psychologischen Wahrheit, mal schneidend, mal rau, dann wieder spöttisch, verführerisch oder in irrer Ekstase rauschhaft auftrumpfend - nichts „Engelhaftes, [sondern] etwas Teuflisches“, wie es Verdi in einem Brief fordert.

(S E R V I C E - Nächste Vorstellungen: 6., 10., 13., 17., 19.4., www.opernhaus.ch)


Kommentieren