Lyrik in den Grazer Minoriten: Sonne, Mond und Sterne sind nie banal

Graz (APA) - Die Lyrik fristet in der heutigen Literaturwelt eine Art Schattendasein: Von diesem Umstand konnten sich am Dienstagabend im Gr...

Graz (APA) - Die Lyrik fristet in der heutigen Literaturwelt eine Art Schattendasein: Von diesem Umstand konnten sich am Dienstagabend im Grazer Kulturzentrum bei den Minoriten ein paar Dutzend interessierter Menschen überzeugen, die gekommen waren, um zwei junge, und doch schon erfahrene Autorinnen und einen Autor beim Lesen aus neuen und zum Teil noch unveröffentlichten Werken zu hören.

Den Anfang machte die auf Albanisch schreibende, aus dem Kosovo stammende Ervina Halili, die bei der Veranstaltung der Reihe Literatur Ost - West gleichzeitig ihren frisch von der Leipziger Buchmesse kommenden Band „Der Schlaf des Oktopus“ vorstellte. Halilis Gedichte sind, wie sie selbst sagte, fragmentarische Wortstrecken, aus denen die Wirklichkeit durchschimmert. Dabei arbeitet sie mit mythischen Versatzstücken, Märchenfiguren, und allerlei Verwunschenem. Ihrer Lyrik ist, zumindest in der stimmig klingenden Übersetzung von Andrea Grill, eine markante Rhythmik zu eigen. Obwohl die Texte entrückt scheinen, ahnt man dennoch, dass sie sich mit der jüngsten, kriegerischen Geschichte ihres Landes und all ihren Grausamkeiten auseinandersetzt.

Der Grazer Mario Hladicz arbeitetet in seinen äußerst knappen prägnanten, prosanahen Texten mit ganz anderen Mitteln. Er setzt auf subtilen Humor, feinsinnige Gesellschaftskritik und eine Art retrospektiver Innenbetrachtung. Dabei setzt er sich ganz offensichtlich mit der Gedanken- und Gefühlswelt eines Teenagers auseinander, jene Zeit, in der er nach eigener Angabe, fasziniert und beeinflusst vom Surrealismus, mit dem Schreiben begann. Hladicz erhielt für seine Talentproben in Publikationen wie der Literaturzeitschrift „Lichtungen“ oder der Grazer Wandzeitung „Ausreißer“ vor zwei Jahren den Literaturförderpreis der Stadt Graz.

Am vergleichsweise stärksten von Mythos und Mystik, dem von Minoriten-Literaturchefin Birgit Pölzl proklamierten Motto des Abends, geprägt ist die musikalische Lyrik von Bernadette Schiefer. Sie ist gleichzeitig die etablierteste Literatin der drei Protagonisten des Abends, der unter dem Titel „Ich kehrte heim ins falsche / Haus“ - einem Zitat aus einem Gedicht von Mario Hladicz - lief. Ihr mittlerweile mehrfach aufgeführtes Theaterstück „Disappeared“ über die Frauenmorde in der mexikanischen Stadt Oaxaca wurde bereits 2008 mit dem ersten Preis der Akademie Graz ausgezeichnet. Ihre Lyrik bedient sich einer äußerst musikalischen Sprache, die mit vielen Urbildern, archetypischen Symbolen und unscheinbaren, dabei umso eindrücklicheren Neologismen arbeitet. Gleichzeitig gelingt es ihr, vermeintlich abgedroschene Begriffe wie Sonne, Mond, Meer, Herz oder Liebe im Kontext ihrer Gedichte in jene ewig tiefgründige Dimension zu setzten, die sie seit Anbeginn für die Menschen besitzen.

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Electric Love Festival

Im Rahmen der Reihe Literatur Ost - West präsentiert das Kulturzentrum bei den Minoriten regelmäßig aktuelle Autorinnen und Autoren aus Südost- und Mitteleuropa. Die Lesungen werden in Kooperation mit dem Internationalen Haus der Autoren und dem Verein ISOP umgesetzt.

(S E R V I C E - http://www.kultum.at/literatur/literatur-ost-west-1 )


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