Existenzen auf Abwegen

Maßlos, zerfahren, entrückt – und eine Wuchtbrumme von Roman: In „Der Jonas-Komplex“ lässt Thomas Glavinic gleich drei Protagonisten erkennen, dass man Gefahren auch als Chancen begreifen kann.

© Gaby Gerster

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Es ist gewissermaßen das Reinhold-Messner-Problem, vor dem Jonas steht: In „Das größere Wunder“ (2013) erklomm Thomas Glavinics gutbetuchter Lieblingsheld den Everest. Dem kann grenzerfahrungstechnisch gesprochen nur ein beinahe Remake am Südpol folgen: Dort also lässt er sich mit Marie – einer Hirnchirurgin, die das Unbefleckte nicht von ungefähr im Namen trägt – aussetzen, um dem von finanziellen Zwängen restlos befreiten Dasein Sinnhaftigkeit abzutrotzen. Schließlich gilt, was Tanaka, Jonas’ bei wachem Geist am Hirn operierter Anwalt, an einer Stelle konstatiert: „Es gibt immer noch eine Steigerung Ihrer existenziellen Abwegigkeiten.“

Das Ende des aberwitzigen Trips gerät zum Märchen der Marke Karl May: tieftraurig, aber irgendwie hoffnungsvoll. Erbaulich, könnte man sagen – und beseelt von jenem Mut zum Kitsch, der sich in dieser selbstbewusst schnoddrigen Ausprägung am ehesten in den Meisterwerken Roberto Bolaños findet, der sich bekanntlich kaum um die No-Gos des so genannten guten Schreibens kümmerte.

Aber Jonas’ abenteuerliches Suchen nach Sinn ist nur eine von drei Geschichten, die Thomas Glavinic – den Ehrentitel Kraftlackl der österreichischen Gegenwartsliteratur macht ihm so schnell keiner streitig – in seinem neuen, ungemein wuchtig daherkommenden Roman „Der Jonas-Komplex“ auf gut 750 Seiten erzählt.

Da gibt es noch einen namenlos bleibenden Wiener Schriftsteller im Jahr 2015, der Paranoiaschübe und Misan­thropie in Naschmarktnähe mit bewusstseinserweiternden Substanzen betäubt (oder befördert), zahllose Frauen aufgabelt, Kurznachrichten an Gott und die Welt verschickt – und zeitweise zum Protagonisten einer ziemlich tristen US-Campus-Novel mutiert. In Übersee trinkt er viel Kaffee, der Geist klärt sich, Freude freilich kommt angesichts des Weltgeschehens nicht auf: Germanwings, Syrien, Ferguson.

Und es gibt einen Buben, der sich 1985 in der Weststeiermark von den Demütigungen des Heranwachsens in einer als übergriffig gezeichneten Umwelt in die Liebe zum Schachspiel flüchtet.

Hinter beiden Figuren, das darf vermutet werden, verbirgt sich Thomas Glavinic selbst. Oder, genauer gesagt, ein möglicher Glavinic: „Der Jonas-Komplex“ ist die Fortschreibung des autofiktionalen Spiels, das der echte Glavinic bereits im 2007 erschienenen Roman „Das bin doch ich“ höchst amüsant durchexerzierte. Wie damals gibt es auch jetzt regelmäßige SMS von Schreib-Spezi Daniel. Dieser protzte 2007 noch mit Verkaufszahlen-Updates seines Erfolgsromans „Die Vergessung der Welt“ und ist inzwischen ganz aufgegangen in der stilvoll durchglobalisierten Literaturschickeria: Kehlmann diniert mit Salman, spaziert mit Coetzee durch den Regen und macht Selfies mit Tom Stoppard. Glavinic’ fiktives Ich hingegen treibt derweil quallengleich als „writer in residence“ durch Carlisle/Pennsylvania – und sinniert darüber nach, ob er denn schon tot sei. „Oder werde ich bloß geschrieben.“

Diese Passagen, eine Melange aus deftiger Literaturbetriebssatire, abgründigem Insiderschmäh und lakonischer Säuferstory, sind witzig. Gerade, weil kein Zweifel da­ran besteht, dass dieser selbstzerstörerische Schwarzmaler, der da „ich“ sagt, allem Machogehabe und Wichtiggetue zum Trotz ein unverbesserlicher Romantiker ist. Der harte Hund hat nicht nur ein zartes Seelchen, er scheint mit den Jahren auch etwas müde geworden zu sein.

Emotionales Zentrum von „Der Jonas-Komplex“ aber ist der betont ruhig erzählte Weststeiermark-Strang. Hier gelingen Glavinic ebenso eindrückliche wie eigentümliche Bilder. Beinahe beiläufig flicht er berührende Szenen ein, die tief in die dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte führen, diese historische Grundierung aber niemals allzu offensiv ausstellen. Vielmehr gemahnt die Präsenz des gegenwärtigen und vergangenen Schreckens daran, dass man weitermachen muss – wohl oder übel.

Letztlich ist es auch der Schachspieler – und nicht etwa, wie man meinen möchte, Abenteurer Jonas –, der dem Roman seinen Titel gibt: „Der Jonas-Komplex“, findet der Bub heraus, ist ein psychologischer Terminus dafür, in jeder Herausforderung zunächst die Gefahren – und nicht die Chance – zu sehen. Glavinic’ gleichnamiger Roman erzählt im Grunde von Versuchen, diesen Komplex zu überwinden. Sein „Der Jonas-Komplex“ ist maßlos, großspurig, mitunter etwas zerfahren, dann wieder rotzig und niemals frei von Eitelkeit. Trotzdem: Man trauert jedem gelesenen Satz nach. Obwohl oder gerade weil sich manche Sätze nicht widerstandsfrei schlucken lassen.

Roman Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex. S. Fischer, 750 Seiten, 25,70 Euro. Lesung und Diskussion: Dienstag, 12. April, in der Buchhandlung Wagner’sche. Beginn: 19.30 Uhr. Festival. Vom 12. bis 14. Mai ist Thomas Glavinic beim Tiroler Literaturfestival achensee.literatour zu Gast. www.achensee-literatour.at


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