Leopold Museum: Skulpturen-Doppelschau, beeindruckend und verstörend

Wien (APA) - Den „Brückenschlag zwischen der klassischen Moderne hin zur zeitgenössischen Kunst“ sieht der neue Direktor Hans-Peter Wippling...

Wien (APA) - Den „Brückenschlag zwischen der klassischen Moderne hin zur zeitgenössischen Kunst“ sieht der neue Direktor Hans-Peter Wipplinger als Hauptaufgabe im Leopold Museum. Bereits mit seinem ersten Doppelpack ist dieser Brückenschlag bravourös gelungen: Die Retrospektive zu Wilhelm Lehmbruck und die Personale von Berlinde De Bruyckere zählen zu den eindrucksvollsten Skulpturen-Ausstellungen seit langem.

Die thematischen Verschränkungen der beiden Ausstellungen, die morgen, Donnerstag, Abend eröffnen, zueinander, aber auch zu dem Hausheiligen des Leopold Museums, Egon Schiele, sind mannigfaltig und augenfällig. Es ist die Beschäftigung mit dem menschlichen Körper, die weit über seine schiere Abbildung die existenziellen Tiefen des Daseins zu erfassen versucht, sich mit der künstlerisch und religiös geprägten Ikonografie beschäftigt und dabei ohne Scheu vor Konventionsbrüchen mit neuen Ausdrucksweisen beschäftigt.

Wie von selbst ergeben sich überraschende Bezüge: Von Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) und Egon Schiele (1890-1918) gab es bereits 1912 im Folkwang Museum Hagen eine Doppel-Schau. „Diesen Dialog wollten wir erneuern“, sagte Wipplinger bei der heutigen Presseführung. „Es gibt sehr viele Korrelationen zwischen diesen beiden Künstlern.“ So finden sich in der vom neuen Museumschef selbst kuratierten Ausstellung, die in großen Teilen auf die Bestände des Lehmbruck Museums Duisburg, aber auch auf Privatsammlungen zurückgreift, neben rund 50 Skulpturen und an die 100 Gemälden, Zeichnungen und Radierungen Lehmbrucks auch zahlreiche Schiele-Werke des Leopold Museums. Sie passen dort ebenso wunderbar hin wie die zahlreichen Werke anderer Künstler, die als Inspirationsquellen und Zeitgenossen wichtige Bezüge einbringen: Auguste Rodin und Aristide Maillol, Alexander Archipenko und George Minne sind ebenso vertreten wie Käthe Kollwitz und Ernst Barlach.

Die große Lehmbruck-Retrospektive des Leopold Museums, die erste Wiener Personale seit 1963, zeigt die Entwicklung dieses Wegbereiters der modernen europäischen Bildhauerkunst in chronologischer Abfolge. Vom klassisch orientierten Frühwerk geht es über die kurz vor dem Ersten Weltkrieg entstandenen Skulpturen wie „Knieende“ (1911), „Emporsteigender Jüngling“ (1913/14) oder „Große Sinnende“ (1913), die in ihrem gleichsam geometrisch-architektonischen Körper-Aufbau (der ihm später von den Nazis den Vorwurf der „entarteten Kunst“ eintrug) nicht nur den zentralen Bruch in Lehmbrucks Schaffen, sondern auch Meilensteine der Skulpturgeschichte darstellen, bis zu den von seinen Kriegserlebnissen und seiner tragischen, unerwiderten Liebe zur Schauspielerin Elisabeth Bergner geprägten letzten Arbeiten. „Habt ihr, die soviel Tod bereitet, / Habt ihr nicht auch den Tod / Für mich?“ schrieb Lehnbruck 1918 in einem Anti-Kriegs-Gedicht. 1919 setzte er seinem Leben selbst ein Ende.

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Ein überraschendes Videodokument dient als Scharnier zu der ein Stockwerk darüber aufgebauten Ausstellung der belgischen Künstlerin Berlinde De Bruyckere (geb. 1964), die mit zwei Werken auch bereits in der Lehmbruck-Schau vertreten ist: Im letzten Raum der Retrospektive läuft die Dankesrede, die Joseph Beuys 1986 kurz vor seinem Tod bei der Entgegennahme des Lehmbruck-Preises hielt. Dabei nannte er Lehmbruck seinen „Lehrer“ und betonte nicht nur die intuitive, seelische Kraft des plastischen Formens, sondern auch die weit über den herkömmlichen Werkbegriff hinausgehende Bedeutung des skulpturalen Schaffens.

Nicht gerade mit sozialer Plastik, aber mit vielfachen Assoziationsmöglichkeiten zu den von Wipplinger angesprochenen „Gefahren des Inhumanen“ und Auswirkungen „wie Krieg, Terror, Flucht und Zerstörung“ beschäftigt sich die von Stephanie Damianitsch kuratierte Ausstellung „Suture“ von Berlinde De Bruyckere, die 2013 den belgischen Pavillon der Biennale Venedig bespielte und im Vorjahr mit einer Ausstellung im Kunsthaus Bregenz beeindruckte. Ihre verstörenden Wachsfiguren, in die mitunter menschliche Haare eingearbeitet sind, aber auch mit Fell überzogene Pferdetorsi führen unmittelbar zu existenziellen Fragestellungen von Leben und Tod, Schmerz und Leid.

Die Fragmentarik ihrer Körper, ihr Spiel mit Ambivalenzen zwischen Deformierung und Metamorphose, aktuellen Medienbildern und kunsthistorischen Anspielungen, überwältigt. Ihre Skulpturen sind entsetzlich und schön zugleich - paradigmatisch ausgedrückt in der Wachs-Skulptur „Into One-Another V to P.P.P.“ (2011): Zwei Körper in liebender Verschlingung, gleichzeitig nur noch mit Mühe als menschliche Reste erkennbar. Die in einer gläsernen Vitrine liegende Skulptur kann gleichermaßen als exhumierter Überrest einer untergegangenen Kultur oder als Abguss jüngster Opfer des Bombenterrors gesehen werden. Eine schockierende Erkenntnis in einer überwältigenden Ausstellung.

(S E R V I C E - Leopold Museum, Museumsquartier Wien, Ausstellungen „Wilhelm Lehmbruck. Retrospektive“, 8.4. bis 4.7., Ausstellungskatalog: 256 S., 29,90 Euro, sowie „Berlinde De Bruyckere. Suture“, 8.4. bis 5.9., Ausstellungskatalog: 160 S., 24,90 Euro, tgl. außer Di 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr, www.leopoldmuseum.org)

(B I L D A V I S O – Pressebilder stehen unter www.leopoldmuseum.org zum Download bereit. Zudem wurden heute drei Video-Snippets angeboten, die über den AOM abrufbar sind.)


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