Hutmode und Tierkrieg: Caryl Churchills „In weiter Ferne“ im Hamakom

Wien (APA) - Was haben extravagante Hutmode-Kreationen, brutale Vorgänge in einer Scheune und ein Weltkrieg, in dem Menschen, Tiere und Gege...

Wien (APA) - Was haben extravagante Hutmode-Kreationen, brutale Vorgänge in einer Scheune und ein Weltkrieg, in dem Menschen, Tiere und Gegenstände gleichermaßen verstrickt sind und sogar das Wetter Partei ergreift, miteinander zu tun? Es sind Resonanzräume, die von Caryl Churchill in ihrem Stück „In weiter Ferne“ eröffnet werden. Seit gestern, Mittwoch, darf im Hamakom Theater in Wien gerätselt werden.

Caryl Churchill, prononciert gesellschaftskritische, avantgardistische und feministische Dramatikerin, wird seit ihrem Stück „Top Girls“ (1982) auch im deutschen Sprachraum immer wieder gespielt. Die dreiteilige kurze Szenenfolge „In weiter Ferne“ der mittlerweile 77-jährigen Britin, wurde im Jahr 2000 uraufgeführt und 2013 auch schon am Stadttheater Klagenfurt gezeigt. Die 1976 geborene Schauspielerin Ingrid Lang hat die Szenen für ihr Regiedebüt ausgewählt, dafür mit Johanna Wolff, Inge Maux und Matthias Mamedof ein feines, kleines Ensemble zusammengestellt und auch für eine personalintensive Hutmodenschau, die als verstörendes Einsprengsel die Szenen aufbricht, eine vielköpfige und beeindruckend auftretende Statisten-Truppe rekrutiert.

Ein gläserner, drehbarer Container von Peter Laher dient zunächst als Wohnzimmer, später als Hutmacher-Werkstatt. Die Dialoge sind spärlich, seltsam, irritierend. Wer sie nicht als Einladung zum Assoziieren und Weiterdenken begreift, wird mit dem knapp 60-minütigen Stück kaum etwas anzufangen wissen. Zunächst sehen wir ein aus dem Schlaf geschrecktes Mädchen (Wolff), das offenbar im Haus von Verwandten zu Besuch ist, die Tante (Maux) verstört mit ihren nächtlichen Beobachtungen konfrontieren. Was sind die Ursachen für Blut, Gewalt und fremde Menschen im Schuppen des Onkels, die sie fragmentarisch wahrgenommen hat? Die Tante erfindet immer neue Ausreden, doch auch dem Mädchen wird klar: Etwas Großes, Gefährliches ist hier im Gang.

Die nächste Szene zeigt das Mädchen gemeinsam mit einem Kollegen (Mamedof) in einer Hutmacher-Werkstatt. Sie sind Teil eines seltsamen, korrupten Systems, über das wir nur Details erfahren: Die fantasievollen Hüte sind Unikate, nur die wenigsten überleben, der Rest wird verbrannt. Wie offenbar die Träger auch. Denn die große Hutmodeschau (Claire Blake hat dafür tolle Kreationen geschaffen), die auf diese Szene folgt, ist offenbar eine Verurteilten-Parade: Die Delinquenten schreiten mit beschmutzten, geschundenen nackten Oberkörpern voll Stolz und Würde am Publikum vorbei.

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In der Schlussszene sind die beiden jungen Hutmacher offenbar miteinander verheiratet und wohnen bei der Tante. Doch rundherum tobt ein allumfassender Krieg, an dem Krokodile und Rehe ebenso beteiligt sind wie lettische Zahnärzte oder Computerprogrammierer. Das Wetter scheint auf der Seite der Japaner zu kämpfen und das Wissen, zu wem der Fluss hält, ist überlebensnotwendig. Die Absurdität des Krieges in die totale Überhöhung getrieben. Einen Reim muss sich jeder selbst darauf machen. Anerkennender Applaus.

(S E R V I C E - „In weiter Ferne“ von Caryl Churchill, Deutsch von Bernd Samland, Regie: Ingrid Lang, Bühne und Kostüm: Peter Laher, Mit: Matthias Mamedof, Inge Maux und Johanna Wolff. Theater Nestroyhof Hamakom, Wien 2, Nestroyplatz 1. Karten: 01 / 8900314, Weitere Vorstellungen: 8., 9., 13. bis 16. und 20. bis 23. April, 20 Uhr. www.hamakom.at)


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