Fragen statt Antworten - NSU-Terror in Zwickau auf der Bühne

Zwickau (APA/dpa) - Keine drei Meter trennen Jens Hollwedel in seiner Rolle als Paulchen 3 alias Uwe Mundlos vom Publikum, als er ihm voller...

Zwickau (APA/dpa) - Keine drei Meter trennen Jens Hollwedel in seiner Rolle als Paulchen 3 alias Uwe Mundlos vom Publikum, als er ihm voller Hass und mit weit aufgerissenen Augen lautstark Nazi-Parolen entgegenschleudert. Der kahl rasierte Schädel, die schmutziggrüne Bomberjacke verstärken den Effekt noch. Zuschauer zu sein im Stück „Weißes Mäuschen warme Pistole“ heißt nah dran sein im doppelten Sinne.

Die kleine Bühne des Theaters Plauen-Zwickau, auf der das Schauspiel am Donnerstagabend Premiere feierte, und der Zuschauerraum gehen nahtlos ineinander über. Der Terror des NSU-Trios ist jetzt auch dort angekommen, wo die mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe mehr als zehn Jahre lang unentdeckt lebten.

Ebenso verschmelzen in dem Stück der Berliner Autorin Olivia Wenzel Fiktion, Fakten, Spekulationen und Tatsachenberichte. Das Publikum wird dabei zum Voyeur, das den „nackten blanken Wahnsinn“ nicht zu fassen bekommt. Auf Antworten wartet man vergeblich, stattdessen hagelt es Fragen, die zum Nachdenken anregen. Der Fakten-Hintergrund: Zwischen 2000 und 2007 erschoss der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) nach Erkenntnissen der Ermittler zehn Menschen, neun davon ausländischer Herkunft. Mit Sprengstoffanschlägen soll die Gruppe außerdem Dutzende Menschen verletzt haben.

In derber, teils vulgärer Sprache und mitunter schwer auszuhaltenden Dialogen bieten die drei Schauspieler Jens Hollwedel, Timon Schleheck und Helene Aderhold eine gespenstische Reise in die Gedankenwelt des NSU-Trios. Das Stück ist die erste Eigenproduktion des Zwickauer Vierspartenhauses zu dem Thema. Auf verstörende Weise nehmen die drei Darsteller in pinkfarbenen Plüsch-Overalls als Paulchen Panther Bezug zum Bekenner-Video. Zugleich wird die ganze Banalität des Alltags sichtbar: Dazu gehört auch das Aufhängen von mit Hakenkreuzen bedruckter Wäsche. In schnellen Wechseln schlüpfen die Schauspieler zudem in die Rollen der Opfer, die das Ganze aus dem Jenseits verfolgen.

„Das Schwierigste für die Darsteller war es, sich wirklich auf ihre Figuren einzulassen und sie nicht von oben herab zu behandeln“, sagt Regisseur Severin Lohmer. Es sei ihm wichtig gewesen, das Stück gerade nicht an Zwickau festzumachen, sondern vielmehr zu fragen, welche Mitschuld die Gesellschaft trage. „Weißes Mäuschen warme Pistole“ war ein Auftragswerk für das Berliner Ballhaus Ost, wo es im Juni 2013 Premiere feierte. Bevor es in Zwickau neu inszeniert wurde, lief es unter dem Titel „Unter Drei“ außer in Berlin bereits in Stuttgart und Braunschweig.

(S E R V I C E - www.theater-plauen-zwickau.de)


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