Dramatische Schmelze der Eisriesen

Der Hitzesommer 2015 hat den heimischen Gletschern arg zugesetzt. Laut aktuellem Gletscherbericht des Österreichischen Alpenvereins war der Längenverlust der Gletscher mehr als doppelt so groß wie im Vorjahr.

Das Hornkees im Sommer 2015.
© Alpenverein

Von Nikolaus Paumgartten

Innsbruck –Einen kühlenden Schneemantel, am besten mehrere Meter dick. Das ist es, was ein Gletscherriese braucht, um die heißen und niederschlagsarmen Sommermonate zu überstehen, ohne dass das Eis zu schmelzen beginnt. Denn dass das sprichwörtliche „ewige Eis“ alles andere als von Dauer ist, zeigen einmal mehr die Ergebnisse des jüngsten Gletscherberichtes des Österreichischen Alpenvereins, der gestern offiziell präsentiert wurde.

© APA

Demnach lag der durchschnittliche Längenverlust der 92 untersuchten Gletscher im Berichtsjahr 2014/2015 bei 22,6 Metern. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich der durchschnittliche Gletscherrückgang damit mehr als verdoppelt. Ähnlich groß war der Rückgang der Gletscher in den Jahren 2007 und 2003.Den größten Längenverlust verzeichneten die ehrenamtlichen Glet­scherforscher rund um Glaziologin Andrea Fischer am Hornkees in den Zillertaler Alpen. Dort ging das Eis um 136 Meter zurück. Auf den Plätzen folgen der Gepatschferner (–121,5) und der Taschachferner (–101) in den Ötztaler Alpen. Einzig am Winklkees in der Kärntner Ankogel-Hochalmspitz-Gruppe maßen die Forscher einen Vorstoß von fünf Metern. Drei Gletscher blieben unverändert. Das Schwinden von Österreichs größtem Gletscher, der Pasterze, liegt im Berichtsjahr mit einem Verlust von 54,4 Metern in derselben Größenordnung wie in den Vorjahren. Wie schon im letzten Jahr zeigen die großen Gletscher, die weit ins Tal hinunterreichen, die stärksten Verluste. Die 92 vermessenen Eisriesen entsprechen zehn Prozent der insgesamt 900 Gletscher, die es in Österreich gibt und die in Summe eine Fläche von 540 Quadratkilometern einnehmen.

Der Rückgang der Gletscher ist am Beispiel des Hornkees deutlich zu sehen. Ganz oben eine Aufnahme aus dem Jahr 1953, in der Mitte 2013, unten ein Foto von 2015..
© Österreichischer Alpenverein

Der Hauptgrund für den ungebremsten Rückgang der Gletscher liegt laut Andrea Fischer in erster Linie im Hitzesommer 2015: „Der Sommer war um mehr als zwei Grad wärmer als im langjährigen Mittel.“ Doch nicht nur der Sommer, alle anderen Monate – mit Ausnahme des Septembers – lagen über dem Temperaturschnitt. Auch die lange andauernden Hochdrucklagen und das Ausbleiben sommerlicher Schneefälle haben den Gletschern im vergangenen Jahr zugesetzt. Aufgrund des niederschlagsarmen Winters hatte sich auch keine schützende Schneedecke aufbauen können.

„Die Voraussetzungen für das heurige Gletscherjahr sind vergleichbar mit denen des Vorjahres“, erklärt Glaziologin Fischer. Einen ähnlich dramatischen Verlauf könnten nur kühle und niederschlagsreiche Frühlings- und Sommermonate verhindern. Denn ist der Schnee auf den Gletschern erst einmal weggeschmolzen und liegt das Eis frei, dann geht die Gletscherschmelze rasant voran: Schutt und Staub färben die Gletscherzungen dunkel – was wiederum die Schmelze fördert. Auch der Saharastaub, der sich in den vergangenen Tagen auf die Gletscher gelegt hat, könnte den Rückgang der Gletscher heuer beschleunigen – wenn nicht Neuschnee dem entgegenwirkt. Auch zerbröselte oder abgebrochene Eisflächen bieten der Sonne große Angriffsflächen und fördern das Verschwinden der Gletscher.

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

Die Auswirkungen des Gletscherrückganges auf Mensch und Natur werden in den kommenden Jahrzehnten immer deutlicher sicht- und spürbar sein, prognostiziert Fischer. Vermurungen und Steinschlag werden zunehmen. Der Permafrost taut ab und es kann zu Massenbewegungen im Gebirge kommen. Darauf gelte es dann zu reagieren. Wege müssten verlegt und die Infrastruktur den neuen Verhältnissen angepasst werden. Als positive Begleiterscheinung bezeichnet Fischer die Aussicht, dass sich durch den Gletscherrückgang auch neue Lebensräume für Pflanzen und Tiere ergeben, die bisher in derartigen Höhen undenkbar waren. „Das Landschaftsbild wird sich im Verlauf der kommenden Jahrzehnte ändern“, sagt Fischer.


Kommentieren


Schlagworte