Vom Kluppensackerl zum Erfolgsautor - Charles Lewinsky wird 70

Zürich (APA/sda) - Über 1000 TV-Shows, 500 Songtexte, einer davon („Das chunnt eus schpanisch vor“) mit dem Grand Prix der Volksmusik ausgez...

Zürich (APA/sda) - Über 1000 TV-Shows, 500 Songtexte, einer davon („Das chunnt eus schpanisch vor“) mit dem Grand Prix der Volksmusik ausgezeichnet, mehr als ein Dutzend Bücher, darunter vier Erfolgsromane: Doch zu seinem 70. Geburtstag schaut der Schweizer Drehbuchautor, Liedtexter und Schriftsteller Charles Lewinsky nach vorn, nicht zurück.

Vor seinem literarischen Durchbruch 2006 mit dem Generationenroman „Melnitz“ galt Lewinsky wegen seinen erfolgreichen Sitcoms - „Fascht e Familie“ und „Fertig lustig“ etwa - vielen jahrelang als professioneller Possenreißer. Dabei wussten die meisten noch nicht einmal, dass er auch Nummern für die Travestiekünstlerin Mary verfasste.

Mit der Humoristik hatte er schon im Schulalter begonnen, als Sketch-Autor des Jugendkabarets „Chlüpplisack“ (Kluppensackerl). Aber eigentlich war das ernste Theater sein Ehrgeiz. Sein erstes richtiges Stück schrieb er mit 16 für das Jugendtheater Rosmarie Metzenthin. „Alle Zuschauer kriegten Akne, weil es so pubertär war“, meint Lewinsky sich zu erinnern.

Nach der Matura - in Luzern, weil das Zürcher Gymnasium Rämibühl wegen des Schreibverbots am Sabbat keine jüdischen Schüler aufnahm - wurde er „Mädchen für alles“ am Stadttheater Luzern, ging mit 20 ans Stadttheater Ingolstadt und heiratete. Nach einer Regieassistenz beim berühmten Fritz Kortner an den Kammerspielen München entschloss er sich für das Studium der Theaterwissenschaften in Berlin. Abgeschlossen hat er es nicht: Ende der 60er Jahre wurde mehr protestiert als studiert.

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Als Redakteur und später Ressortleiter beim Schweizer Fernsehen in der Abteilung Theater und Unterhaltung hoffte er, seine dramaturgischen Fähigkeiten weiterentwickeln zu können. Aber die Gattung Fernsehspiel wurde unmodern und Lewinskys Planstelle dem Ressort Unterhaltung zugeschlagen - zugeschlagen wie die Tür zum Theater, vorerst.

1980 entschloss er sich, freier Autor zu werden. Um die Familie ernähren zu können, verfasste er als „verbaler Maßschneider“ die verschiedensten Texte, TV-Shows für alle bedeutenden deutschsprachigen Sender ebenso wie Kurzkrimis unter Pseudonymen wie Chuck Ladd, Colin Langford, Cäsar Lewis oder Curd Loos. Dazu kamen Hörspiele für Kinder, Film-Drehbücher, Musicals wie „Deep“ und „Gotthelf“ und etwa 500 Liedtexte.

Charles Lewinskys großer Durchbruch mit „Melnitz“ kam 2006 nur für „gewöhnliche“ Leser überraschend. Das Fachpulikum , das seine ersten beiden Mediensatiren „Mattscheibe“ und „Schuster“ verschmäht hatte, wurde im Jahr 2000 durch „Johannistag“ vorgewarnt: Der Fachmann für höheren Blödsinn war im Fahrstuhl nach oben.

Auf „Melnitz“, über den die „NZZ“ schrieb, es sei „von einer Qualität, wie man sie in der Schweizer Literatur nur sehr selten antrifft“, folgten neben heiteren Fingerübungen wie „Schweizen. 24 Zukünfte“ die von Kritik und Publikum gleichermaßen geschätzten Romane „Gerron“, „Kastelau“ und zuletzt jetzt „Andersen“.

(Verfasserin: Irene Widmer)


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