Der andere Fremde

Engtanz mit einem weltliterarischen Schwergewicht: Ausgehend von Albert Camus’ „Der Fremde“ betreibt Kamel Daoud Kolonialismus- und Fundamentalismuskritik.

© APA/AFP/BERTRAND LANGLOIS

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Einen Araber hat Meursault erschossen. Nach Stunden am Strand. Angeblich, weil ihn die Sonne geblendet hat. Dafür wird Meursault der Prozess gemacht. Verurteilt wird er weniger wegen des Mordes als wegen der vor Gericht zur Schau gestellten Gleichgültigkeit. Der Name von Meursaults Opfer fällt im Verfahren nicht. Ein Araber halt.

So erzählte Albert Camus 1942 die Geschichte des „Fremden“ – und er schrieb sich weltliterarischen Ruhm. Dass die Frage nach der Identität des Arabers die umfangreiche und fraglos tiefschürfende Rezeption von „Der Fremde“ – immerhin der Schlüsselroman des Existenzialismus – kaum interessierte, überrascht rückblickend.

Und nicht zuletzt deshalb ist der schlichte Perspektivwechsel, den Kamel Daoud in „Der Fall Meursault“ versucht, so effektiv. Die Rosen, die dem Roman bei seinem Erscheinen in Frankreich vor gut zwei Jahren gestreut wurden – er galt als letztlich glückloser Favorit auf den Prix Goncourt und „Meisterwerk“ –, lassen allerdings auch einen Hauch von schlechtem Gewissen erahnen: Ist den Interpreten in Jahrzehnten intensivster Auseinandersetzung und postkolonialer Bewusstseinsbildung diese Leerstelle tatsächlich entgangen?

Kamel Daoud, geboren 1970 und langjähriger Chefredakteur der algerischen Tageszeitung Le Quotidien d’Oran, also dreht die Geschichte um – und erzählt von Moussa, jenem Araber, den Meursault mit vier Pistolenkugeln niederstreckte. Genauer gesagt: Daoud lässt dessen Geschichte erzählen. Jahrzehnte nach der Tat ist es Haroun, der Bruder des Toten, der sie einem „Literaturwissenschafter“ auftischt. Der von Camus im Nebensächlichen belassene Araber (letztlich auch das ein Symptom für Meursaults Gleichgültigkeit angesichts eines zum Absurden verdammten Daseins) wird zum Menschen, sein Tod erhält eine Konsequenz: das Drama einer Familie, die ihres Ernährers beraubt wurde, Verzweiflung, Trauer, Zorn. Davon spricht Haroun. Allem Anschein nach zum wiederholten Mal. Die Wut über die Franzosen, die dem Ermordeten keinen Namen und damit keine Identität zugestehen, hat etwas Obsessives. Die sprachliche Brillanz Camus’ freilich sucht man in diesem zusehends trunkener werdenden Lamento vergebens. Camus’ kühlem Ton widerspricht Daoud in mitunter redundanter Rollenprosa.

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Inzwischen ist Haroun ein alter Mann, den nicht nur literaturhistorische Ignoranz – im Rahmen der Erzählung wird Camus’ „Der Fremde“ zu Meursaults Bericht „Der Andere“ – erzürnt, sondern auch die Entwicklung, die Algerien seit seiner Unabhängigkeit nahm. Angesiedelt in einem gegenwärtigen Ungefähr springt Harouns Erzählung nicht nur zurück ins Jahr 1942, sondern auch ins Unabhängigkeitsjahr 1962: Auch damals geschah ein willkürlicher Mord. Das Opfer? Ein Franzose, dem der Roman wenigstens einen Namen zugesteht, er heißt Joseph Larquais. Der Täter? Haroun. Dass Rache keine Erlösung bedeutet, wird ihm erst klar, als die Aussicht auf Befreiung vom Kolonialherrn der Ernüchterung über den Machtgewinn fundamentalistischer Frömmler weicht.

Die unverblümte Religionskritik, die Kamel Daoud in „Der Fall Meursault“ betreibt, beantworteten algerische Salafisten mit drastischen Mitteln – bereits kurz nach Erscheinen seines Romans in seinem Heimatland wurde der Autor mit einer Fatwa belegt. Was Daoud in seinem wortmächtigen Widerstand gegen den radikalen Islam bestärkte. Seither ist er auch im deutschen Sprachraum gefragter Kommentator. Nach den Ausschreitungen in der Silvesternacht in Köln etwa publizierte er eine vielbeachtete Analyse des „kranken Verhältnisses zur Frau, zum Körper und zum Begehren“ in der arabischen Welt. Frauen, so Daoud, würden dort „verleugnet, abgewiesen, getötet, vergewaltigt, eingeschlossen oder besessen“. Respekt gebe es nur, wenn Frauen durch ein Eigentumsverhältnis definiert werden: „Sie ist die Frau von X oder die Tochter von Y.“

Vehementer Widerspruch kam daraufhin aus Paris. Namhafte Historiker und Philosophen warfen dem Schriftsteller in einem offenen Brief vor, mit seinem Text Islamfeindlichkeit zu schüren.

Eine Ansicht, die Daoud nicht gelten ließ: Diese Kritik entstamme der Bequemlichkeit westlicher Haupt­stadt-Caféterrassen. Von dort also, wo sein Roman „Der Fall Meursault“ als intertextueller Engtanz mit einem Schwergewicht der Weltliteratur euphorisch – und etwas über Gebühr – als „Meisterwerk“ gefeiert wurde. Die tagespolitische Sprengkraft des Textes, seine ganz dem Ideal der (europäischen) Aufklärung verschriebene Fundamentalismuskritik, blieb zumeist unerwähnt. Jetzt hat Kamel Daoud angekündigt, sich aus dem „Spiel der Wellen und der Medien“, der öffentlichen Debatte also, zurückzuziehen. Er will sich auf die Literatur konzentrieren. Dort – so scheint es – lässt sich Unangepasstes unaufgeregter erörtern.

Roman Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung. Aus dem Französischen von Claus Josten. KiWi, 208 Seiten, 19,50 Euro.


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