Fragil und fragmentarisch: „... am Abend der Avantgarde“ im Odeon

Wien (APA) - Kahle Bäume, flatternde Krähen, Licht und Schatten: Mit seiner neuen Produktion „... am Abend der Avantgarde“ hat das Serapions...

Wien (APA) - Kahle Bäume, flatternde Krähen, Licht und Schatten: Mit seiner neuen Produktion „... am Abend der Avantgarde“ hat das Serapions Ensemble im Wiener Odeon wieder einmal ein mystisches Setting geschaffen. Darin eingebettet hat man diesmal allerdings eine hoch politische Geschichte, die in ihrer Fragilität und Fragmenthaftigkeit ebenso entrückt daherkommt wie bisherige Produktionen des Ensembles.

Als Vorlage dient der bisher nicht auf die Bühne gebrachte Text „Enuma elisch“ der russischen Dichterin Anna Achmatowa (1889-1966), den Alexander Nitzberg ins Deutsche übertragen hat. Der Ansatz, seit langem wieder einmal mit Sprechtheater zu arbeiten, geht dabei voll auf: Erwin Piplits und Mario Mattiazzo haben eine Inszenierung geschaffen, die unter die Haut geht und bei der Premiere am Freitagabend nach etwas mehr als zwei Stunden mit langem, herzlichen Applaus bedacht wurde.

Umrahmt hat man den drei Teile umfassenden Text, den Achmatowa zu Lebzeiten selbst mystifiziert hat, indem sie das Manuskript zunächst vernichtete und später wieder rekonstruierte, mit einem Vor- und einem Nachspiel. Hierfür wurden vor allem Texte aus Achmatowas „Poem ohne Held“ verwendet, zumal die Dichterin die beiden Texte als eine Art Zwillinge ansah. Und so wird das Publikum in das stalinistische Sankt Petersburg entführt, wo eine Dichterin gegen Zensur und Verrat kämpft und dabei zusehends ihre gute geistige Verfassung verliert.

Zunächst findet man sich auf einem Neujahrsball im Fontanny-Haus, das laut Programmheft in mehreren literarischen Werken der russischen Avantgarde erwähnt wird. Es wird ausgelassen gefeiert, die Tänzer tragen bunte, verstörende Pappmasken, am Flügel sitzt Marcelo Cardoso Gama, der das bunte Treiben musikalisch untermalt. Doch draußen tobt ein Sturm, unter die Festgesellschaft mischen sich Klänge von Krieg und Zerstörung, die sich auch bald im Ballsaal breitmachen und dem fröhlichen Treiben ein Ende setzen. Dem Vorspiel folgt „Die Schaffenskrise“, in der die Dichterin versucht, die Aufführung ihres Stücks zu stoppen, da die letzten Seiten fehlen, die sie zuvor selbst verbrannt hat.

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Der Fieberwahn der Protagonistin (dargestellt von Ivana Rauchmann) nimmt ihren Lauf und aus den Kulissen treten gleich zwei Alter Egos: Ein „Seelendouble“ und eine verschleierte Doppelgängerin, mit denen sie fortan die Rollen tauscht. Während das wagemutigere Double (Sandra Rato da Trindade) das Heft im wahrsten Sinne des Wortes in die Hand nimmt, bleibt die Verschleierte (Ana Grigalashvili) zunächst im Hintergrund und doppelt die gesprochenen Worte auf Russisch. Doch bald schlägt die Realität zu: Die Dichterin wird einem russischen Kulturbeirat vorgeführt, der ihr zahlreiche Vergehen vorwirft, ihr sämtliche Privilegien abspricht und sie mit einem Schreibverbot belegt.

Die ohnehin schon gespaltene Persönlichkeit zerfällt nun vollends. In tranceartigen Zuständen tritt die Dichterin in „Somnambula“ mit früheren und künftigen Liebhabern (Valentin Schreyer und Sascha Becker) in Kontakt, doch ihr Versuch, ihrem verstorbenen Lebensmenschen ihre Lebensgeschichte zu diktieren, scheitert. Ein vorzeitiges Treffen mit dem künftigen Geliebten birgt Gefahren. Immer wieder flattern die gespenstischen Raben durch die Szene, der Himmel senkt sich und verwandelt sich in eine Höhle, einmal findet sie sich in einer transparenten Blase aus Plastik wieder. Erneut wird Gericht gehalten und die Dichterin stirbt einen dramatischen Tod, in dem sie von einem meterhohen Gerüst in die Tiefe tanzt.

Waren die bisherigen Teile hauptsächlich in Versen verfasst, verfällt man in „Das Manuskript in der Flasche“ nun zusehends in Prosa. Vor der Kulisse eines Zugwaggons, in dem sich alle Darsteller als Reisende einfinden, befindet man sich in der Zukunft, in der man auf die früheren Ereignisse zurückblickt und versucht, ein Manuskript zu deuten, das man in einer Flasche im Meer gefunden hat. Das Werk der Dichterin wird einmal mehr zerstört - durch das Unverständnis der Nachwelt. Am Ende steht wieder der Ballsaal mit seinen hohen Spiegeln und bunten Kulissen. Doch aus den feiernden Gästen sind mittlerweile Gefangene geworden, die ihren Weg nach Sibirien antreten.

Als eindringlichen Soundtrack hat man sowohl Werke gewählt, die Achmatowa selbst im Stück vorgeschlagen hat, als auch Vertonungen einiger Texte, die die Darsteller singend vortragen. Hinzu kommt Zeitgenössisches: Da steht Johann Sebastian Bach neben Goran Bregovic, die russische Komponistin Sofia Gubaidulina neben dem jungen iranisch-deutschen Komponisten Mohammad Reza Mortazavi. Die märchenhaft-düstere Bühne von Max Kaufmann verschwimmt mit Musik und Tanz, am Ende fühlt man sich als Zuseher ähnlich entrückt wie die Protagonisten. Langer Applaus für einen fantastischen Abend, der ein bisher zu Unrecht vernachlässigtes Werk ins Licht rückt.

(S E R V I C E - Serapions Ensemble: „... am Abend der Avantgarde“ nach „Enuma elisch“ von Anna Achmatowa in der Übertragung von Alexander Nitzberg. Eine Inszenierung des Serapions Ensembles unter der Leitung von Erwin Piplits und Mario Mattiazzo, Mit: Sascha Becker, Carlos Delgado Betancourt, Julio Cesar Manfugás Foster, Marcelo Cardoso Gama, José Antonio Rey García, Ana Grigalashvili, Mercedes Miriam Vargas Iríbar, Miriam Mercedes Vargas Iríbar, Zsuzsanna Enikö Iszlay, Mario Mattiazzo, Ivana Rauchmann, Gerwich Rozmyslowski, Sandra Rato da Trindade, Valentin Schreyer, Ariel Uziga, Lina Maria Venegas. Weitere Vorstellungen: 9., 12.-16., 19.-22., 26.-28.4., 3.-7.5.; Tickets: 01 / 216 51 27, Theater Odeon, Wien 2, Taborstraße 10, www.odeon-theater.at)


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