Glyphosat-Streit: Krebserregend oder nicht?
Kein Pestizid wird weltweit so viel verkauft wie Glyphosat. Und keines ist so umstritten. Diese Woche will die EU über eine neue Zulassung für das Pflanzengift abstimmen. Konsumentenschützer fordern ein Verbot.
Innsbruck, Brüssel — Das Pflanzenschutzmittel Glyphosat ist umstritten und fast überall zu finden: in Milch, Getreide und Bier. Weil es im Juni seine Zulassung verliert, muss die EU nun entscheiden, ob es weiterhin in der Landwirtschaft eingesetzt werden darf oder nicht. Doch immer neue Studien zum Unkrautvernichter verunsichern Konsumenten und Politiker gleichermaßen. Der Streit ist brisant, denn es geht nicht nur um irgendein Unkrautvernichtungsmittel. Glyphosat ist das am häufigsten eingesetzte Pestizid der Welt.
Begleitet von Protesten haben am Mittwoch in Brüssel die Verhandlungen über die Zukunft des umstrittenen Pflanzenschutzmittels Glyphosat in Europa begonnen. Vor dem Gebäude, in dem die Vertreter der EU-Mitgliedsstaaten und der EU-Kommission bis Donnerstag beraten, protestierten Demonstranten gegen eine mögliche Verlängerung der Zulassung. Auch in Wien und Berlin waren die Umweltschützer aktiv.
Die Naturschützer in Österreich und Deutschland erhöhten indes noch einmal den Druck. In Wien wurden gestern, Dienstag, 49.200 Protestbriefe gegen die Wiederzulassung von Glyphosat und ein offener Brief an die 28 EU-Mitgliedsstaaten beim Landwirtschaftsministerium deponiert.
1. Anwendung und Regelung:
Von den 2,5 Millionen Tonnen Pflanzengiften, die jährlich weltweit ausgebracht werden, sind rund 800.000 Tonnen glyphosathaltig, also ein Drittel. Das Patent für das Mittel hat der US-Chemieriese Monsanto. Es hilft Obst- und Weinbauern gegen Unkrautwuchs, hält Raps- und Winterweizenfelder wildwuchsfrei, wird von Gemeinden etwa bei der Säuberung von Bahngleisen verteilt, aber auch in privaten Vorgärten und auf städtischen Grünflächen. Besonders umstritten ist der Einsatz kurz vor der Ernte, weil es dabei mit Lebensmitteln vor dem Konsum in Kontakt kommt. Wird das Glyphosat kurz vor der Ernte aufs Feld gebracht, sterben bestimmte Pflanzenteile ab und lassen Weizen und Gerste schneller reifen. In Österreich ist diese Sikkation genannte Anwendung verboten und „wurde in Tirol auch nie durchgeführt", sagt Ulrich Jakob Zeni von der Landwirtschaftskammer Tirol.
In welchem Umfang das Mittel verwendet werden darf, obliegt aber in weiten Teilen den EU-Staaten. Während es in Österreich nur einmal im Jahr auf das Feld aufgetragen wird und dabei nicht mit der Kulturpflanze in Kontakt kommen darf, obliegt die Anwendung in anderen Ländern den Landwirten. Die EU schreibt bei Pestiziden vor, den Einsatz auf ein „notwendiges Maß" zu beschränken. „Nichtchemische Verfahren sollen genutzt werden, um die Anwendung chemischer Pflanzenschutzmittel möglichst zu vermeiden", sagt Zeni.
2. Studien:
Noch im vergangenen Jahr führten Krebsforscher der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in einer Studie an, dass das Mittel „wahrscheinlich für den Menschen krebserregend" sei. Das veranlasste die EU dazu, die Neuzulassung zu verschieben. Nun, kurz vor der Entscheidung, stellte der „Sachverständigenausschuss für Pestizidrückstände" (JMPR) der Welternährungsorganisation (FAO) und der WHO plötzlich fest, das ein Krebsrisiko „unwahrscheinlich" sei. Allerdings wird auch darauf hingewiesen, dass es bei Tests mit Mäusen bei sehr hohen Dosen Krebsverdacht gab. Diese Expertenmeinung fußt jedoch nicht auf einer neuen Studie, sondern auf einer Neuinterpretation der vorliegenden Arbeiten.
3. Kritik:
Kritik an dieser Neubewertung kommt unter anderem von den Umweltschützern von Greenpeace. Ihrer Ansicht nach sei der JMPR für Intransparenz und Interessenkonflikte bekannt. Den Forschern wird ein Naheverhältnis zur chemischen Industrie unterstellt. Die Konsumentenschützer von Foodwatch sprechen sich im Gespräch mit der TT gegen eine Zulassungsverlängerung für Glyphosat aus und verweisen dabei auf das EU-Recht. „In der EU gilt das Vorsorgeprinzip. Aus diesem Prinzip folgt: Solange die gesundheitlichen Auswirkungen von Glyphosat wissenschaftlich umstritten sind, muss im Zweifel zum Schutze der Verbraucher gehandelt werden", spricht sich Foodwatch-Konsumentenschützer Matthias Wolfschmidt für ein Glyphosatverbot aus.
Bisher habe nämlich noch keine wissenschaftliche Publikation jene Studie widerlegt, wonach das Mittel wahrscheinlich krebserregend sei. Wolfschmidt kritisiert zudem die Intransparenz bei Zulassungsverfahren. „Studien werden oft von oder mit Unterstützung der Chemischen Industrie durchgeführt, diese Arbeiten werden nicht veröffentlicht. Wir fordern, dass unabhängige Institute künftig die Untersuchungen durchführen und diese einsehbar werden."
4. Verlängerung:
Auch die EU-Staaten sind uneins. Laut Medienberichten will die EU-Kommission morgen eine Verlängerung der Zulassung für neun weitere Jahre empfehlen. Frankreich will dagegen stimmen, in Deutschland sind die einzelnen Ministerien uneinig. Österreich macht seine Zustimmung von Umwelt-Auflagen abhängig. (ecke, tt.com)