Todesfall in der Familie: Kindern die Wahrheit nicht vorenthalten
Der Partner ist tot. Zurück bleibt man selbst und die Kinder. Wie soll man diesen die schreckliche Nachricht beibringen? Psychologin und Krisenhelferin Barbara Juen plädiert für größtmögliche Offenheit.
Einem Kind sagen zu müssen, dass ein naher Angehöriger wie Mama oder Papa nicht mehr lebt: Ist etwas Schlimmeres überhaupt vorstellbar?
Barbara Juen: Eine solche Situation lässt niemanden kalt, auch wenn man, so wie ich, schon seit 25 Jahren damit beschäftigt ist, Menschen bei der Bewältigung von Krisen zu unterstützen. Es braucht Mut, um Kindern die Wahrheit zu sagen. Man muss es aber tun und darf vor Wörtern wie „tot“ oder „gestorben“ nicht zurückschrecken: Papa kann nicht mehr zurückkommen, weil er tot ist.
Nicht jeder wird solche Formulierungen über die Lippen bringen, will man den Kindern doch das Kindsein nicht nehmen.
Juen: Es hat keinen Sinn, wenn eine Mutter versucht, den Tod ihres Partners zu verheimlichen. Kinder spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist. Offenheit schadet der Beziehung zu den Kindern nicht. Schlecht ist es, in Unwahrheiten zu flüchten. Man sollte Kinder ermuntern, Fragen zu stellen und diese altersgerecht beantworten. Kinder können mit dem Tod umgehen. Wenn sie Fragen dazu stellen, heißt das ja nicht, dass sie aufhören, Kinder zu sein.
Wie reagieren Kinder, wenn sie erfahren, dass ein Elternteil tot ist?
Juen: Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Manche Kinder sagen gar nichts und gehen spielen, andere werden aggressiv. Natürlich hängt das auch vom Alter ab. Oft kommt die Frage: „Was sollen wir jetzt tun?“ Denn die Betroffenen, Kinder wie Erwachsene, brauchen das Gefühl, in dieser Situation aktiv werden zu können.
Wie lange dauert es, bis ein Kind über den Verlust eines geliebten Menschen hinwegkommt?
Juen: Akute Trauer vergeht, doch die dahintersteckende Trauer dauert ein Leben lang. Sie ist ein Prozess, der in verschiedenen Lebensphasen auflebt und neue Fragen aufwirft. Jemand, der schon als Kleinkind den Vater verliert, muss sich dennoch als Jugendlicher von ihm lösen.
Das heißt, man muss diese Trauer bewusst zulassen?
Juen: Am Ende der akuten Trauer sollte man dazu in der Lage sein, den Alltag zu gestalten und Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Es ist schlecht für einen Trauernden, wenn ihm die dafür nötige Zeit nicht gegeben wird. Das ist bei vielen Erwachsenen der Fall. Sie stürzen sich nach dem Verlust eines Menschen regelrecht in die Trauer. Nach einigen Wochen wird von ihnen erwartet, dass sie wieder funktionieren. Doch so einfach ist das nicht.
Wie können Sie den Betroffenen zur Seite stehen?
Juen: Wir sind für alle Fragen da, stellen den Kontakt zu Freunden und Bekannten her, aktivieren das soziale Netz der betreffenden Familie. Wir kümmern uns um die Organisation des Alltags, wie Kinderbetreuung oder Schule.
Ein großes Tabuthema ist der Suizid, wenn ein Elternteil sich das Leben nimmt. Was raten Sie Betroffenen in dieser Situation, wie können sie Kindern diese Nachricht beibringen?
Juen: Wieder ist Offenheit ganz wesentlich. Die Hemmschwelle zu sagen „Papa hat sich das Leben genommen“, ist natürlich hoch. Doch das Kind sollte diese Nachricht von einer nahen Bezugsperson erhalten, nicht von einem Fremden. Ein Suizid spricht sich schnell herum. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ein Kind davon erfährt, auch wenn die eigene Verwandtschaft dazu schweigt.
Suchen Kinder die Schuld für den Tod eines Elternteils auch bei sich?
Juen: Das kommt vor. Kinder sagen, Mama oder Papa lebe nicht mehr, weil man nicht brav gewesen sei. Dem muss der Erwachsene klar entgegentreten: Kinder, die mit einem Todesfall konfrontiert sind, haben nichts falsch gemacht. „Es ist noch keine Mama gestorben, weil ihr Kind nicht brav war“, könnte man sagen. Sonst müssten ja viele Mamas tot umfallen.
Sie haben gemeinsam mit Manuela Werth ein Arbeitsbuch herausgegeben als Hilfe für Eltern und Kinder bei einem Todesfall in der Familie. Was hat Sie dazu bewogen?
Juen: Viele Betroffene suchen nach Hilfe und Orientierung. Das ist der Ansatz für dieses Buch. Es ist zweigeteilt und bietet Informationen für die Erwachsenen sowie eine Bildgeschichte, die erzählt, wie es zum Tod eines Familienvaters gekommen ist. Kinder können das nachlesen oder sich erzählen lassen, den handelnden Personen Namen geben und selbst Erlebtes verarbeiten.
Zur Person:
Barbara Juen, Jg. 1960, Psychologin, Uni-Professorin in Innsbruck und Leiterin des Fachbereiches Krisenintervention beim Roten Kreuz. Ihr Buch „Dann geh’ ich zu Mama ins Bett – Arbeitsbuch zum Thema Tod und Suizid“ mit Co-Autorin Manuela Werth ist eben in 2. Auflage im Berenkamp Verlag erschienen (15,70 Euro, 67 Seiten).
Das Gespräch führte Markus Schramek