Gesundheit

Schmerzspezialisten: „Joint auf Rezept“ in Österreich nicht benötigt

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Genügend pharmazeutische Präparate mit THC vorhanden. Sparen in der Schmerzmedizin wird „teuer“.

Klagenfurt, Velden – In Deutschland sollen ab dem kommenden Jahr Schwerkranke, denen andere Therapien nicht helfen, getrocknete Cannabisblüten und -extrakt auf Rezept erhalten. So sieht es ein von der deutschen Bundesregierung bereits abgesegneter Gesetzesentwurf vor. In Österreich sehen Fachleute dafür keinen Bedarf, hieß es Mittwoch bei einer Pressekonferenz österreichischer Schmerzspezialisten in Klagenfurt.

„Wir brauchen keine Legalisierung von Haschisch oder Marihuana“, sagte Rudolf Likar, Generalsekretär der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) und Leiter der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am Klinikum Klagenfurt, im Vorfeld der in Velden stattfindenden ÖSG-Jahrestagung. „Uns stehen bereits jetzt wirksame und standardisierte Cannabinoid-Medikamente zur Verfügung, deren Wirksamkeit in einigen Indikationen gut belegt ist.“

Mit „Joint auf Rezept“ keine genaue Dosierung möglich

In Österreich gibt es Dronabinol als magistrale Zubereitungen von pflanzlichem oder synthetisch hergestelltem delta-9-THC; das synthetische Cannabinoid Nabilone sowie Sativex, das standardisierte Extrakte der Cannabis-Pflanze mit definiertem Gehalt an THC und CBD (Cannabbidiol) enthält. „Das sind alles Produkte, die ihre Wirksamkeit und arzneimitteltechnische Sicherheit bereits bewiesen haben“, sagte Likar. Beim Konsum der Pflanze ließen sich dagegen Probleme wie mikrobielle und chemische Verunreinigungen nicht ausschließen. Zudem würde der „Joint auf Rezept“ keine genaue Dosierung der medizinisch wirksamen Komponenten erlauben und sei mit den gesundheitlichen Gefahren des Tabakrauchens verbunden. „Es gibt auch keinen Beweis dafür, dass die medizinische Wirkung von Cannabis oder Marihuana besser wäre als die bereits verfügbaren therapeutischen Cannabinoid-Reinsubstanzen“, sagte der Fachmann.

Breite Anwendungsmöglichkeiten

Wurden THC-haltige Arzneimittel bis vor wenigen Jahren vor allem bei Tumor- und HIV-Patienten eingesetzt, belegen inzwischen immer mehr Daten wesentlich breitere Anwendungsmöglichkeiten: bei neuropathischen Schmerzen, Multipler Sklerose, beim Querschnittssyndrom oder anderen spastischen Schmerzen. Darüber hinaus gibt es vielversprechende Hinweise auf ein Potenzial in der Behandlung verschiedener chronisch-entzündlicher Erkrankungen, wie Rheumatoider Arthritis oder chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen.

Fünf Milliarden Euro, etwa die Summe welche die aktuelle Steuerreform ausmacht, werden in Österreich pro Jahr für die Behandlung von schmerzhaften Erkrankungen des Bewegungsapparates ausgegeben. „Ein Großteil der Therapiekosten könnte eingespart werden, wenn wir ausreichend in Prävention und eine frühzeitige Behandlung von Schmerzen investieren, bevor diese chronifizieren und damit zur individuellen und volkswirtschaftlichen Last werden“, betonte ÖSG-Präsident Wolfgang Jaksch (Wiener Wilhelminenspital).

Laut Statistik Austria leiden allein 1,8 Millionen Österreicher an anhaltenden oder wiederkehrenden Rückenschmerzen. Allein die direkten Kosten für die Behandlung chronischer Schmerzen in Österreich schätzen Experten auf Basis internationaler Daten auf jährlich bis zu 1,8 Milliarden Euro.

Einsparungen auf diesem Gebiet werden volkswirtschaftlich „teuer“. Likar sagte: „Die Behandlungskosten machen allerdings nur ein Drittel der Gesamtkosten aus, die indirekten Folgekosten für Krankenstände, Frühpensionen und erhebliche Produktivitätsverluste liegen noch einmal doppelt so hoch. Patienten mit starken chronischen Schmerzen haben ein sechsmal höheres Krankenstands-Risiko. Inzwischen sind dadurch bereits die Hälfte aller Krankenstandstage bedingt.“ In Summe bedeute das einen Verlust von 660.000 Arbeitstagen pro Jahr in Österreich. (APA)