Blick von außen

Hofburg, eine erste Wahl

Der Leopoldinische Trakt der Wiener Hofburg mit dem Schlafzimmer Maria Theresias, in dem jetzt der Bundespräsident seine Gäste empfängt. Die Hofburg ist eine Stadt in der Stadt mit viel Geschichte.
© APA/HELMUT FOHRINGER

Die Staatsoberhäupter und Bundespräsidenten haben ihr Amt höchst unterschiedlich ausgefüllt. Von der Hofburg gingen aber immer enorme Impulse für Stadt und Land aus.

Von Hans Magenschab

Zur Person

Hans Magenschab, Journalist und Buchautor („Josef II.“, „Erzherzog Johann“, zuletzt „Der Große Krieg“) war bis 2004 Presse­chef der Präsidentschaftskanzlei und Pressesprecher des Bundespräsidenten.

mail@magenschab.at

Die Wiener Bundesmobilienverwaltung sucht einen Mieter; und dieser Krösus soll auch einen Mietvertrag abschließen. Worum es geht? Nun: Es existiert in Wien ein Gebäude, das man kaum umrunden kann, am Abend aber befriedigt verlässt. Festes Schuhwerk wird außerdem erbeten! Es geht um einen Komplex mit 18 Trakten, 19 Höfen, 240.000 Quadratmetern und weiters um ein Kongresszentrum für 250 Veranstaltungen nebenan.

Es gibt eben – und zugleich Gott sei Dank – keinen Tarif für Staatsimmobilien; in Wien wären einige bis in die Romanik und Gotik zurückzuführen und als tiefe Keller zu vermessen; folglich auch nicht als Denkmalschutz-Verpflichtungen zu berechnen. Und dann: Was bedeutet ein unvergleichlicher Prachtbau des Hochbarock samt „progress in work“ für ein vernetztes System von Museen, Schatzkammern, Kunstgalerien etc. – bis hin zu Möbeldepots der Bundesmobiliendepots in der durch und durch zivilen Mariahilfer Straße?

Gemischte Nachrichten also für präsumtive Interessenten von Sommer- und Jagdschlössern, von Landhäusern und Burganlagen rund um Wien. Und das ist wahrscheinlich das größte Defizit des Lebensmittelpunktes des künftigen Staatsoberhauptes in Wien: Nichts ist da grün, die Höfe überbieten sich mit dem Grau der Granitpflastersteine, auf denen die Weißen Pferde einherstelzen – und als Fiaker sogar zum öffentlichen Verkehrsmittel mitten in der dichtbevölkerten Großstadt geworden sind.

Dafür kann jeder Österreicher einem freundlichen Staatsoberhaupt beim Regieren über die Schulter schauen – im übertragenen Sinn. Mit dem Kommen und Gehen von vielen kleinen konservativen Gruppen aus dem In-und Ausland hat Thomas Klestil 1992 seine Amtszeit begonnen – Heinz Fischer hat das „Präsidenten-Schauen“ mit viel roter Künstlerklientel fortgesetzt. Diese Mischung bescherte Tag für Tag um 20 Uhr dem ORF eine seiner erfolgreichsten Sendungen, die „Seitenblicke“. Mal mehr, mal weniger Schickeria dreht sich da um jeden Bundespräsidenten, erst recht, wenn dieser ursprünglich aus dem dezent-sozialistischen Lager kam.

In Wien wiederum macht Stadtluft nicht frei, sondern ließ schon vor Jahrhunderten eine Art Reichs-Verstädterung erkennen. Während sich in anderen Zentren Monarch und Stadtbürger aggressiv gegenüberstanden, passierte in Wien nur im Revolutionsjahr 1848 Ärgeres. Damals wurde der kaiserliche Kriegsminister Theodor Graf Latour am Wiener Hof grausam ermordet, nachdem der kaiserliche Familienzirkus nach Tirol geflohen war und in der Innsbrucker Hofburg fast so gut wie sicher einen Residenz-Ersatz gefunden – hätte!

Aber stattdessen war der oberste Dachbereich der Nationalbibliothek abgebrannt, eine hässliche Revolutionsbrandruine. Im Spätherbst 1848 war dann zusätzlich klar, dass durch die Krönung des 18-jährigen Franz Joseph im mährischen Olmütz eine politische Gewichtsverlagerung in der Monarchie Richtung Osten eintreten werde. Zwar war es zuerst Nostalgie, die Stadt und Land, Hofburg und Reformflut inspirierte – dann aber wurden dank der wissenschaftlichen Vordenkarbeit Mechanisierung und Technisierung daraus.

So gab die Stadterweiterung Wiens nach dem Ende der 1848er-Revolutionskriege mehr als nur einen Anstoß – es war ein Kultursprung, ja ein Kulturabenteuer. Und auch die schöne Wittelsbacherin Sisi war mit ihrem Franzl zuerst einer Meinung, dass die Hofburg ein geeignetes Ambiente für Großmachtträume darstellte. Die Philosophie der Gesamtanlage war dabei jene, rund um die eigentliche und mittelalterliche Altstadt Wiens das „Abendland“ als Historismus sichtbar zu machen.

Das Kaiserpaar Franz Joseph und Elisabeth entsprach daher wohl zuerst durchaus dem Bewusstsein der Wiener Gesellschaft, die – auch soziologisch – durch die Kombination von Wohnästhetik und Generationsvertrag ein Glücksgefühl empfand. Drei Generationen unter einem Dach, das bedeutete für die zivile und sogar literarische Berichterstattung theaterfähiger Stoffe jede Menge Figaros, Schweinezüchter, böhmische Kuchlmadln, Pfarrersköchinnen, Klavierlehrer, Gärtner – alles zusammen eine erstaunliche Zeugenschaft für Fleiß, Integrationsbereitschaft und Frömmigkeit.

Resel und Sisi

So war die Hofburg eine wieder hergerichtete Stadt in der Stadt, wohl vorbereitet für die Verbindungsstränge, die einstens Maria Theresia geknüpft hatte, und dann – in ihren späteren Jahren – Kaiserin Elisabeth. Die beiden interessantesten Frauen der österreichischen politischen Geschichte standen nämlich durchaus für eine Art von persönlicher Aufklärung und für Courage.

De facto war die Hofburg bereits unter Maria Theresia ein elegantes Spielcasino geworden und schon Maria Theresias Vater hatte sich an Restriktionen herangewagt, „um schädliche Verschwätzungen möglichst zu verhüten ... und unsere Carten-Manufaktur gänzlich abgetan werde, cassiert und aufgehoben ...“

War sie doch Frau und Mutter, selbstverständlich. Aber wie brachte sie denn ihre Aufgaben als Staatsoberhaupt mit anderem zur Deckung? Mal verhielt sie sich nach Art einfacher Bürgersfrauen und war die bürgerliche „Resel“, dann war sie ein geschicktes „Mäusl“ und als eingeheiratete Lothringerin eine „Chère Mitzi“. Oder was tun, wenn der Mensch Hilfe braucht, wie sie selbst beim Stiegensteigen infolge ihres Asthmas? Nun, man errichtet als Anbau eine Rampe, über die Pferdefuhrwerke aller Art auffahren konnten, zuerst geht es bergauf, dann auf dem Roten Teppich im Ersten Stock zum Wohn-Schlaf-Konferenzzimmer.

Freilich, nach dem Tod der Kaiserin war die Mechanik nicht mehr vonnöten, also ließ man alles abtragen und brachte ihren Enkel Franzl dorthin, wo sich dieser am wohlsten fühlte, ins Glashaus.

Bald applaudierten die Zeitgeister. Denn der Enkel der 1780 verstorbenen Kaiserin liebte das grüne Land rund um die Hofburg, wo der Wein wucherte. Allerdings: Zwei Generationen später war Wien zubetoniert.

Was geblieben war, das waren die von Mitgliedern des Allerhöchsten Hauses mehr oder weniger betreuten Umgestaltungen der riesigen Anlage selbst. Permanent bauten, gestalteten, montierten, reinigten Handwerker und Künstler im Kaiserhaus selbst. Nur: Für welche Zukunft?