Van der Bellen: „Es sind zwei Hälften, die Österreich ausmachen“
In seiner ersten Rede als designierter Bundespräsident betonte Alexander Van der Bellen ein „Präsident für alle Menschen“ sein zu wollen. Die aktuelle Zerrissenheit Österreichs möchte er „nicht dramatisieren“, wichtig sei aber „genau hinzusehen“.
Wien - Alexander Van der Bellen wird neues Staatsoberhaupt. Die Österreicher entschieden sich in der Stichwahl um das Präsidentenamt mit der knappen Mehrheit von 50,3 Prozent für den langjährigen Grünen-Chef. Der 72-Jährige versicherte, das Gemeinsame vor das Trennende stellen zu wollen. Sowohl national als auch international dominierten die positiven Reaktionen.
Van der Bellen, der im Wahlkampf auch Unterstützung von SPÖ, NEOS und ehemaligen ÖVP-Granden erhalten hatte, schloss am Montag eine fulminante Aufholjagd erfolgreich ab. Knapp 14 Prozentpunkte hatte er nach dem ersten Wahlgang Rückstand auf seinen freiheitlichen Kontrahenten Norbert Hofer, mit Hilfe der Briefwähler gelang das Projekt.
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Knappster Wahlsieg der Zweiten Republik
Denn bei ihnen erreichte Van der Bellen fast 62 Prozent, womit er sich mit dem knappstem Wahlsieg der Zweiten Republik das höchste Amt im Staat sicherte. 31.026 Stimmen trennten die beiden Kontrahenten. Der Grüne erzielte letztendlich in allen Landeshauptstädten die Mehrheit. Schwacher Trost für Hofer ist, dass er mit Niederösterreich, der Steiermark, Kärnten, dem Burgenland und Salzburg die Mehrheit der Bundesländer hinter sich brachte.
Der Freiheitliche, der noch am Wahlabend einen deutlichen Vorsprung auf Van der Bellen aufgewiesen hatte, zeigte sich in einer ersten schriftlichen Reaktion „traurig“. Der Einsatz für den Wahlkampf sei aber „nicht verloren sondern eine Investition in die Zukunft“. FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache glaubt, dass die FPÖ trotz der heutigen Niederlage bereits eine Wende in der österreichischen Politik eingeleitet habe. Ob man es mit einer Anfechtung der Wahl versucht, entscheiden die Freiheitlichen am Dienstag in einem Vorstand.
Aufatmen bei Kern und Mitterlehner
Froh ist man auch im Bundeskanzleramt über das neue Staatsoberhaupt. Regierungschef Christian Kern (SPÖ), der seine Stimme für Van der Bellen öffentlich gemacht hatte, betonte, dass die Regierung in ihm einen Partner wisse, der pro-europäisch und weltoffen sei sowie für eine Politik stehe, die Chancen in der Vordergrund stelle und nicht die Ängste bediene. Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) hob besonders die Funktion des Präsidenten als „Türöffner für die Wirtschaft“ hervor, wo er keine Probleme mit dem neuen Staatsoberhaupt erwartet. Freudig auf den neuen Präsidenten wartet auch NEOS-Obmann Matthias Strolz, während das Team Stronach enttäuscht vom Ausgang war.
Van der Bellen selbst richtete seine erste Rede als designierter Bundespräsident, die er im Garten des Wiener Palais Schönburg abgab, betont versöhnlich aus. „Ich finde, man kann den Gleichstand auch so sehen: Wir sind eben gleich. Es sind zwei Hälften, die Österreich ausmachen. Die eine Hälfte ist so wichtig wie die andere. Ich könnte sagen: Du bist gleich wichtig wie ich und ich bin gleich wichtig wie du. Und gemeinsam ergeben wir dieses schöne Österreich“, sagte er. Regierung und Parlament versicherte Van der Bellen, ein konstruktiver Partner sein zu wollen. Seine Grüne Parteimitgliedschaft stellt das künftige Staatsoberhaupt ruhend.
Van der Bellen: Politisierung „ein schönes Zeichen“
In seiner Rede ging er auf die oft genannten Gräben ein, die in Österreich angesichts der Präsidentschaftswahl aufgebrochen seien. Er wolle nicht, dass diese dramatisiert würden. Teils hätten sie schon länger bestanden, vielleicht habe man nur nicht genau hingesehen. Zuletzt sei aber auch viel mehr miteinander geredet worden im Lande. Das Augenmerk sollte daher weniger der Polarisierung, sondern eher der Politisierung gelten. „Das ist doch gut, das ist ein schönes Zeichen.“
Nun warte viel Arbeit auf ihn. Viele Menschen fühlten sich offensichtlich zu wenig gesehen und gehört. Man werde eine andere Kultur, eine andere Gesprächskultur brauchen, und eine Politik, die sich nicht mit sich selbst, sondern mit realen Fragen, auch dem Zorn in diesem Land, auseinandersetzt. (TT.com, APA)
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