BP-Wahl - Deutsche Pressestimmen

Wien/Berlin (APA/dpa/AFP) - Deutsche Zeitungen kommentieren in ihren Dienstagsausgaben den knappen Sieg von Alexander Van der Bellen bei der...

Wien/Berlin (APA/dpa/AFP) - Deutsche Zeitungen kommentieren in ihren Dienstagsausgaben den knappen Sieg von Alexander Van der Bellen bei der Bundespräsidentenwahl vor allem als gerade noch verhinderten Durchmarsch des rechtspopulistischen Bewerbers Nobert Hofer (FPÖ).

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“:

„Halb Österreich atmet auf, ein großer Teil des Berliner Regierungsviertels und vermutlich ganz viele Politiker in Brüssel: Der FPÖ-Kandidat Hofer zieht doch nicht als Bundespräsident in die Wiener Hofburg ein. Er verlor, nachdem er im ersten Wahlgang die Kandidaten der ÖVP und der SPÖ deklassiert hatte, äußerst knapp gegen den von einer großen Anti-Hofer-Koalition unterstützten Van der Bellen, der nie eine Chance auf dieses Amt gehabt hätte, wenn Hofer nicht ganz Österreich mobilisiert hätte: die eine Hälfte für sich, die andere gegen sich. Der ehemalige Grünen-Vorsitzende Van der Bellen wird nun versuchen, wie es in solchen Fällen heißt, Präsident aller Österreicher zu sein. Doch verband schon seine Unterstützer nur eines: Hofer zu verhindern.“

„Berliner Zeitung“:

„Österreich ist verunsichert, aber keineswegs so rechts, nicht einmal so konservativ, wie man es sich in Deutschland gern einredet. Schon gar nicht ist es ein Land voller Nazis. Nachbarländer sind das ideale Objekt für Projektionen. Österreich widerlegt, wie jede andere Nation auch, schon beim ersten Besuch spielend die Klischees, die man sich von ihm macht. Alexander van der Bellen ist ein Österreicher durch und durch. Mit seiner Gelassenheit, seiner Selbstironie, seiner Toleranz und seiner Widerständigkeit gegen die Zumutungen von Konformismus und Spießertum, rechtem ebenso wie linkem, verkörpert der 72-jährige eine sympathische Seite der österreichischen Identität. Es wäre kein Wunder, wenn der Grüne ein sehr populäres Staatsoberhaupt würde.“

„Der Tagesspiegel“ (Berlin):

„Das Patt zwischen den beiden Lagern, das die Präsidentenwahl so dramatisch sichtbar gemacht hat, liegt weiter drohend über dem Land. Kann sein, dass der neue Bundeskanzler die Kraft hat, es aufzulösen. Kann auch sein, dass es die österreichische Politik bis zu den nächsten landesweiten Wahlen in zwei Jahren als Menetekel begleitet. Dann läge über dem Land der Druck eines kalten Bürgerkrieges: zwei gleich große Kräftegruppierungen, die die Politik in ihren Bann schlagen. Dahinter der unverhohlene Machtwille des FPÖ-Chefs Strache, ideologisch aufgeladen mit dem Gedanken an ein anderes Österreich.“

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„Leipziger Volkszeitung“:

„Nachdem sein rechter Gegenkandidat Norbert Hofer wochenlang „ein neues Amtsverständnis“ plakatiert hat, könnte van der Bellen das Versprechen wahr machen und das Amt tatsächlich zu neuem Leben erwecken. Nicht, indem er die Regierung stürzt, wie es Hofer androhte, sondern mit der Waffe des Bundespräsidenten: dem klaren, ehrlichen, vernünftigen Wort. Mit seiner Gelassenheit, Toleranz und Widerständigkeit gegen die Zumutungen von Konformismus und Spießertum, rechtem ebenso wie linkem, verkörpert der 72-Jährige eine sehr sympathische Seite der österreichischen Identität. Man dürfte sich nicht wundern, wenn der Grüne ein sehr populäres Staatsoberhaupt würde. Der Republik würde es gut tun.“

„Stuttgarter Nachrichten“:

„Ein Wunder, dass Österreich den hauchdünnen Vorsprung van der Bellens vor Hofer nicht laut bejubelt, sondern allenfalls mit einem hörbaren Aufatmen zur Kenntnis nimmt. Denn wie man es auch dreht und wendet: Die Stimmung in dem politisch so verunsicherten Land ist keine Van-der-Bellen-Stimmung. Das Votum für den 72-Jährigen ist eine Melange aus roten und grünen, aus liberalen und konservativen Wählern, die für eine kurze demokratische Sternstunde nur eines zusammengeführt hat: ihr Nein zu Hofer. Van der Bellen, vor allem vielen bürgerlichen Wählern auf dem Land zu links, wird diese Hypothek mit in die Hofburg nehmen.“

„Volksstimme“ (Magdeburg):

„Die Bedrohung für das geeinte, demokratische Europa ist längst nicht mehr fiktiv, sondern greifbar. Denkbar knapp haben die Österreicher den Durchmarsch des Rechtspopulisten Norbert Hofer in die Wiener Hofburg verhindert. Das wäre wohl kaum passiert, hätte es nach dem ersten Wahlgang nicht eine gesellschaftliche Aufwallung in der Alpenrepublik gegen den FPÖ-Mann gegeben. Die Spaltung des Volkes hebt diese Wahl nicht auf. Sie halbwegs zu überwinden, bedeutet viel Arbeit für den neuen Präsidenten Alexander Van der Bellen, der erklärtermaßen der Präsident aller Österreicher sein will. Allein kann er es ohnehin nicht richten: Es ist eine bittere Lektion für das gesamte politische System. Die desavouierten Altparteien sind zwar aufgewacht, doch bis zu echter Volksnähe jenseits populistischer Anbiederei ist es weit. Deshalb kann sich die FPÖ zurücklehnen: Was beim Präsidenten misslang, könnte 2018 beim österreichischen Kanzler klappen.“

„Neue Presse“ (Hannover):

„Vor allem den eher als weltoffenen orientierten Wählern in den Ballungsräumen ist der Sieg des ehemaligen Grünen-Chefs zuzuschreiben, wohingegen in ländlich strukturierten Gebieten Hofer punkten konnte. Auf Van der Bellen warten nun schwere Aufgaben: Dabei muss der 72-Jährige zuallererst versuchen, den Riss, der durch die Nation geht, zu kitten. Er muss drängende Probleme wie soziale Ungerechtigkeiten und wirtschaftliche Unzulänglichkeiten angehen. Und er muss differenzierte Antworten auf die Flüchtlingskrise finden, die Hofer mit seinen platten populistischen Parolen zu lösen versprach. Nur dann wird es Van der Bellen als Bundespräsident gelingen, auch das konservative Klientel im Land aus der Protesthaltung zu bewegen.“

„Junge Welt“ (Berlin):

„Das Ergebnis bedeutet nicht, dass fünfzig Prozent der österreichischen Wahlberechtigten extrem rechts sind. Vielmehr zeigt sich tiefe Unzufriedenheit mit der Politik. Dreh- und Angelpunkt zahlreicher Debatten zwischen den beiden Kandidaten während der vergangenen Wochen war deren Verhältnis zur Europäischen Union. FPÖ-Kandidat Hofer trug dabei der in weiten Teilen der Bevölkerung vorhandenen EU-Skepsis Rechnung. Van der Bellen präsentierte sich demgegenüber als besonders ‚europäisch‘ und rückte EU-Kritik prinzipiell in Richtung nationalistischen Chauvinismus. Van der Bellens knapper Sieg zeigt einmal mehr, dass moralische Appelle als Strategie gegen die FPÖ nicht ausreichen. Solange die anderen Parteien sich der sozialen Frage nicht glaubwürdig annehmen, wird der freiheitliche Höhenflug trotz der gestrigen Niederlage weitergehen.“


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