Gegründet, gescheitert, gescheiter

2694 Firmen wurden 2015 in Tirol neu gegründet, davon werden Hunderte ihr drittes Jahr nicht überleben. Die Erfahrung mit dem Scheitern kann trotzdem eine lehrreiche sein, wie die „FuckUp Nights“ beweisen.

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Von Marianna Kastlunger

Innsbruck –Unternehmerisches Versagen ist vielerorts noch ein Stigma, finden Experten. Clemens Plank, Vorsitzender der Jungen Wirtschaft (JW), ortet das Problem in der allgemeinen Geisteshaltung: „Die Idee, Unternehmer sein zu wollen, ist noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ Schon an Schulen lasse sich laut Plank dieses Phänomen beobachten: Kinder würden keine Selbstständigkeit anstreben, sondern den „sicheren Job“. Ein Plan, den junge Uni-Absolventen gleichermaßen verfolgten. Das Risiko, zu scheitern, sei angeblich zu hoch, und wer scheitert, wird schief angesehen.

Parallel dazu macht sich allerdings der Wunsch nach einem Kulturwandel breit, wonach das Scheitern nicht brandmarkt, sondern als Lern­erfahrung akzeptiert wird. Diese Idee scheint zumindest auf den Kleinkunstbühnen aller Welt angekommen zu sein, Formate wie die „FuckUp Nights“ begeistern seit ihrer Entstehung in Mexiko 2012 ein globales Publikum. Hier gehört die Bühne den gescheiterten Unternehmern, die offen und humorvoll über ihre Niederlage reden.

„Fehler machen ist menschlich und soll auch gesellschaftlich akzeptiert werden“, erklärt Bettina Wenko vom Tiroler Gründerzentrum CAST. Die Initiatorin der Innsbrucker „FuckUp Nights“ will mit der Veranstaltung den Kulturwandel thematisieren, ohne die Herausforderungen auf die leichte Schulter zu nehmen. Sie wünscht sich mehr Präsenz des Themas Scheitern in vielen anderen Lebensbereichen, wie in der Kindererziehung, an Schulen oder am Kinderspielplatz.

Die Konfrontation mit noch so kleinen Niederlagen sei wichtig, aus Erfahrungen können Kinder vieles lernen. „In einer überbehüteten Blase sind diese Erfahrungen nicht möglich“, sagt Wenko. Zudem sei das mitteleuropäische gesellschaftliche Gefüge nicht so risikofreudig wie das der amerikanischen Kultur, wo eine überwundene Pleite fast ein Pluspunkt ist. Hierzulande sei sie ein Stigma. „Sicherheit ist bei uns ein hohes Gut“, sagt die Initiatorin, „und trotzdem hört man nicht auf zu leben, wenn der Unternehmensplan nicht aufgeht.“

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Einer, der sich auf die FuckUp-Bühne gewagt hat, ist Fabian Rauch. 2011 entwickelte er zusammen mit seinem Freund Georg Parth eine Handy-App für Taxireservierungen. Nach wenigen Monaten hatten sie ein tolles Produkt entwickelt, Investoren gefunden und Expansionspläne geschmiedet, zunächst Richtung Wien, dann auf den deutschen Markt.

Leider fraß die Kundenakquise mehr Geld und Energie auf als geplant. Zudem hatten die beiden Tiroler Jungunternehmer zu starke Konkurrenten, die ihre de facto Monopolstellung mit harten Bandagen verteidigten. Also beschlossen sie 2013, ihr Projekt einzustellen und die Technologie zu verkaufen. „Unser Ziel war, uns etwas aufzubauen, und es hat nicht geklappt. Darum hatte ich einige Monate daran zu knabbern, es fühlte sich wie Scheitern an“, erzählt Rauch.

Auf der Bühne schildert er augenzwinkernd, wie gerne er danach auf der Couch lümmelte, das Publikum lacht. Und trotz der angenehmen, lockeren Atmosphäre bei der Veranstaltung erfährt jeder, was Rauch dazulernen musste. Der Innsbrucker weiß jetzt, dass er sich von der Arbeit nicht komplett vereinnahmen lassen muss und dass Familie sei Dank sogar Niederlagen überwunden werden können. Im Nachhinein würde Rauch aber einiges anders machen. „Ein gutes Team aufzubauen, war gar nicht so leicht“, analysiert er und wünscht sich mehr Unterstützung von der Politik, wie weniger Lohn­nebenkosten.

„Scheitert ein Gründer aufgrund nicht vorhersehbarer Entwicklungen, darf das nicht zu einer Stigmatisierung führen“, sagt Klaus Schaller, Tirol-Chef des Kreditschutzverbands von 1870. Das Scheitern von Unternehmen gehöre zum normalen Wirtschaftskreislauf. Der KSV beobachtet aktuell Vorsicht bei Investitionen und ist angesichts der schwachen Konjunktur froh um jede Neugründung. „Die wenigsten Start-ups legen eine Erfolgsstory à la Runtastic hin“, sagt Schaller. Die österreichische Fitness-App wurde 2015 für 220 Millionen Euro an Adidas verkauft. Wichtig seien ein solider Businessplan, eine gesicherte Finanzierung, Branchenkenntnisse und betriebswirtschaftliche Kenntnisse, sagt Schaller.

Die JW sieht die Lage optimistischer: „Es gibt keine bessere Zeit als jetzt, um ein Unternehmen zu gründen“, sagt Plank, Stichwort Digitalisierung von der Logistik bis zum Bankwesen. „Es gibt genug Möglichkeiten, etwas zu bewegen und trotzdem Risiken abzufangen, ohne dass Haus und Hof auf dem Spiel stehen.“ Die Rede ist nicht nur von Krediten und Leasingverträgen, sondern auch von Zuschüssen oder Crowdfunding. Clemens Plank weist auch auf die beratende Unterstützung der Institutionen hin. Alle Termine sind auf www.facebook.com/FUNIbk/ zu finden.


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