„Im Sellrain gibt es keine Vollkasko-Mentalität“

Zum Jahrestag der Muren-Katastrophe richten die Sellrainer den Blick in die Zukunft. An Absiedlung denkt niemand, der Dorfchef hofft auf Zuzug.

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Wie ein Wildbach bahnten sich die Wassermassen ihren Weg durch Sellrain.
© zeitungsfoto.at

Von Alexandra Plank

Sellrain – Ein weiser Spruch besagt: „Wenn man Glück im Unglück gehabt hat, hat man zuerst einmal Unglück gehabt.“ Das ist wahr. Dennoch ist das, was sich am 7. Juni 2015 in Sellrain, aber auch in See im Paznaun (siehe rechts) ereignet hat, noch am ehesten mit dieser Kurzformel zu fassen.

Die Sellrainer Muren-­Katastrophe, ein 100-jährliches Ereignis, hat immense materielle Schäden angerichtet, aber es ist ein Wunder, dass sie keine Todesopfer gefordert hat. Daher machen die Sellrainer am Dienstag, dem Jahrestag, eine Wallfahrt nach St. Quirin.

Bürgermeister Georg Dornauer zeigt die Verbauungsmaßnahmen. Er lobt die Unterstützung durch Land und Bund.
© Julia Hammerle

Abgesehen vom Gottvertrauen wurden umfassende Schutzbauten in Angriff genommen, wie Bürgermeister Georg Dornauer erklärt. Im Fokus stand dabei der Seigesbach, der zu einer Verklausung der Melach führte, worauf diese über die Ufer trat. Der neue Gefahrenzonenplan ist noch nicht erarbeitet, Dornauer geht aber davon aus, dass aufgrund der intensiven Verbauung kaum zusätzliche Flächen als rote Zone ausgewiesen werden müssen. In Sicherheit wiegt er sich nicht, er rechnet mit weiteren Wetterkapriolen, samt Murenabgängen: „Das Sellrain ist ein V-Tal, da gibt es keine Vollkasko-Mentalität.“ Dennoch blickt Dornauer optimistisch in die Zukunft: „Die Sellrainer bleiben ihre­m Dorf treu. Ich will Sellrain auch für den Zuzug attraktiv machen.“ Das soll durch Investitionen in die Infrastruktur, wie etwa die Kinderbetreuung, gelingen.

Auch die Betroffenen der damaligen Katastrophe teilen den Optimismus. Der Schreck sitzt ihnen aber noch immer in den Knochen. Waltraud Jordan war am 7. Juni auf Urlaub. Ihre Tochter befand sich im Haus und musste sich vor dem Schlamm durch ein Fenster ins Freie retten. Als sie das stark beschädigte Haus sah, sei sie geschockt gewesen, sagt die 70-Jährige. Aufgeben stand nie zur Diskussion: „Im Ort herrschte die Stimmung: Wir haben keine Toten zu beklagen, wir schaffen das schon.“

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Klaus Singer zeigt den Brunnen vor der Katastrophe.
© Julia Hammerle

Die Nachbarn Klaus und Gertraud Singer sind dabei, die Terrasse zu erneuern. Gertraud Singer und ihre drei Töchter, mit denen sie sich im Haus befand, flüchteten vor dem Wasser auf den Balkon. „Ich habe Todesangst gehabt“, sagt sie. Wegziehen? „Niemals.“ Ihr Mann Klaus gibt zu, dass er sich mitunter mit dem Gedanken beschäftige, was wär­e, wenn so ein Unwetter noch einmal käme. „Hier ist immer ein Haus gestanden, schon seit dem 15. Jahrhundert. Bis 2015 hat es geheißen, das sei der sicherste Platz von Sellrain.“ Singer bewirtschaftet gepachtete landwirtschaftliche Flächen und sieht die Bauern als Verhinderer von Murenkatastrophen. „Das Mähen der Steilflächen tun sich immer weniger Bauern an. Es muss da künftig eine Art finanzielle Entschädigung geben“, sagt er. Sein großer Dank geht an die öffentliche Hand und die vielen Helfer und Spender. „Für uns war entscheidend, dass Landeshauptmann Platter sofort gesagt hat, dass wir finanziell beim Wiederaufbau unserer Häuser unterstützt werden.“ Gertraud Singer und Waltraud Jordan sagen, dass sie ihrem Nachbarn Bruno Schlögl viel zu verdanken haben.

Waltraud Jordan vor dem Fenster, durch das sich die Tochter retten konnte.
© Julia Hammerle

Seine Frau Barbara Schlögl schildert die Ereignisse am Spätabend des 7. Juni 2015: „ Ich stand auf der Terrasse und sah, wie unten bei einem Bauern die Kühe aus dem Stall gespült wurden.“ Ihr Mann Bruno und beide Söhne packten beherzt an. „Wir haben nur die Feuerwehrleute aus Oberperfuss unterstützt“, sagt der Sellrainer. Held sei er keiner.

Alle Betroffenen sind sich einig, dass es auch schöne Momente gab. Der 7. Juni 2015 sei der Tag gewesen, in dessen Folge nicht nur ein ganzer Ort, ein ganzes Tal, sondern ein ganzes Land gezeigt habe, was Solidarität ist.

Auch See spürt noch Nachwehen

See – Die Unwetternacht vom 7. auf 8. Juni 2015 bleibt unauslöschlich im Gedächtnis der Bewohner am Taleingang des Paznaun. Die gewaltige Schallerbachmure „sprengte“ das Geschiebebecken und richtete im Siedlungsgebiet Infrastrukturschäden in Höhe von zehn Mio. Euro an. Der Schock war groß, neben den Gebäudeschäden gab es auch psychologischen Notstand in der Bevölkerung. „Aber die Leute haben sich nicht entmutigen lassen, der Zusammenhalt im Dorf war riesengroß“, resümierte Bürgermeister Toni Mallaun am Samstag. „Beim Wiederaufbau ist jedenfalls Enormes geleistet worden. Den Hilfsorganisationen und den unzähligen freiwilligen Helfern können wir nicht genug danken.“

Ein Jahr danach sind immer noch Nachwehen der Mure präsent: Bei der Schadensabwicklung ist laut Mallaun zwar vieles getan, „aber wir sind noch nicht fertig“.

Die Verbauung der Mure samt neuem Geschiebebecken dauert ebenfalls an. Die WLV hat ein Paket mit Investitionen von 12,5 Mio. Euro geschnürt. (hwe)


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