Prägnant und rätselhaft zugleich: Ingeborg Bachmann wäre 90

Wien/Klagenfurt (APA) - Längst wird Ingeborg Bachmann zu den wichtigsten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts gezählt. Am 25. Juni jährt sich d...

Wien/Klagenfurt (APA) - Längst wird Ingeborg Bachmann zu den wichtigsten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts gezählt. Am 25. Juni jährt sich der Geburtstag der 1973 verstorbenen Schriftstellerin zum 90. Mal. Und ihr Andenken wird nicht nur durch die seit 1976 stattfindenden „Tage der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt und den dort vergebenen Ingeborg-Bachmann-Preis hoch gehalten.

Auch in der Germanistik ist die gebürtige Klagenfurterin weiterhin gefragter Forschungsgegenstand, was nicht zuletzt jene kommentierte Gesamtausgabe beweist, die ab Herbst kontinuierlich im Suhrkamp Verlag erscheinen wird. Bachmann war ein Literaturstar ihrer Zeit, samt (im August 1954 erschienener) „Spiegel“-Titelgeschichte, eine gleichzeitig schüchterne wie bemerkenswert frei denkende Intellektuelle, Schwarm zahlreicher Männer, Geliebte oder Seelenfreundin prominenter Künstlerkollegen, eine Vorreiterin der Emanzipation.

Dass sie als Lyrikerin solche Popularität erlangen konnte, verblüfft heute ebenso wie die Schärfe, mit der sie in den Nachkriegs-Jahren der Verdrängung und des Vergessens auf der gesellschaftlichen Funktion von Literatur beharrte und gleichzeitig strikte Wahrhaftigkeit gegenüber sich selbst einforderte: „So kann es auch nicht die Aufgabe des Schriftstellers sein, den Schmerz zu leugnen, seine Spuren zu verwischen, über ihn hinwegzutäuschen. Er muß ihn - im Gegenteil - wahrhaben und noch einmal, damit wir sehen können, wahrmachen. Denn wir wollen alle sehend werden. Und jener geheime Schmerz macht uns erst für die Erfahrung empfindlich und insbesondere für die der Wahrheit.“

Bachmann wurde am 25. Juni 1926 als älteste Tochter eines Schuldirektors in Klagenfurt geboren. Ab 1945 studierte sie in Innsbruck und Graz, später in Wien Philosophie, Psychologie, Germanistik und zeitweise auch Staatswissenschaften. 1950 promovierte sie mit einer Arbeit über „Die kritische Aufnahme der Existenzialphilosophie Martin Heideggers“. Zunächst arbeitete Bachmann als Journalistin, von 1951 bis 1953 war sie beim Sender „Rot-Weiß-Rot“ tätig, wo sie u.a. an der Seite von Peter Weiser und Jörg Mauthe die Texte der beliebten Sendereihe „Die Radiofamilie“ (erst 2011 in Buchform erschienen) verfasste. Der Durchbruch als Schriftstellerin gelang ihr 1952 bei einer Lesung der Autorenvereinigung Gruppe 47 in Niendorf an der Ostsee.

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Mit einer Gedichtwidmung begann am 24. Juni 1948 nicht nur der 20 Jahre andauernde, oft stürmische, und noch öfter von Enttäuschung und Missverständnissen geprägte Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, sondern auch eine Liebe, die dank des 2006 veröffentlichten Briefwechsels breite Beachtung fand. In den folgenden Jahren lebte Bachmann abwechselnd in München (wo sie 1957/58 als Dramaturgin beim Bayerischen Fernsehen tätig war), Zürich, Berlin und Rom. In diesen Jahren entstanden etwa die Gedichtbände „Die gestundete Zeit“ (1953) und „Anrufung des Großen Bären“ (1956). 1955 schrieb sie das Hörspiel „Die Zikaden“, der Beginn ihrer Zusammenarbeit mit dem Komponisten Hans Werner Henze. 1959/60 hielt Ingeborg Bachmann als erste Gastdozentin für Poetik an der Universität in Frankfurt am Main eine Vorlesungsreihe zum Thema „Probleme zeitgenössischer Dichtung“.

Ihre Wahlheimat war Mitte der 50er Jahre Rom, durch ihre zeitweilige Lebensgemeinschaft mit dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch hielt sie sich auch oft in Zürich auf. Der Erzählband „Das dreißigste Jahr“ (1961) markiert die verstärkte Hinwendung der Schriftstellerin zur Prosa. 1961 wurde sie in die Westberliner Akademie der Künste aufgenommen, 1964 erhielt Bachmann den Georg Büchner-Preis der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, 1968 den Großen Österreichischen Staatspreis und 1971 den Anton Wildgans-Preis der Österreichischen Industrie.

In Rom entstanden ihr einziger vollendeter Roman „Malina“ (1971), der Erzählband „Simultan“ (1972) und die Erzählung „Gier“, die allerdings ebenso ein Fragment blieb wie der Roman „Der Fall Franza“ und das „Requiem für Fanny Goldmann“. Der geplante „Todesarten“-Zyklus blieb unvollendet. Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in einer römischen Klinik an den Folgen von Verbrennungen, die sich die schwer Alkohol-und Tablettenabhängige am 26. September bei einem Brand in ihrer Wohnung in der Via Giulia zugezogen hatte.

Das Feuer soll durch eine brennende Zigarette ausgelöst worden sein. Am 25. Oktober wurde sie im engsten Familienkreis auf dem Friedhof Klagenfurt-Annabichl beerdigt. Als Grabinschrift wurde eines der berühmtesten Zitate Bachmanns ausgewählt, entnommen ihrer am 17. März 1959 in Bonn gehaltenen Dankesrede zu dem ihr für „Der gute Gott von Manhattan“ verliehenen Hörspielpreis der Kriegsblinden: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

(B I L D A V I S O - Bilder von Ingeborg Bachmann sind im AOM abrufbar.)


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