Anstieg bei der Suchtberatung

Zwölf Prozent mehr Klienten, 18 Prozent mehr Kontakte: Immer öfter nehmen Menschen in Tirol das Beratungsangebot an. Viele Suchtkranke erlebten Traumatisierungen.

(Symbolfoto)
© Keystone

Von Marco Witting

Innsbruck –Mehr Beratungen und Kontakte – bei gleichbleibender Zahl an Menschen mit problematischem Drogenkonsum in Tirol. Eine Gleichung, die für die Suchtberatung Tirol im fünften Jahr ihres Bestehens ein positives Vorzeichen hat. „Wir freuen uns, dass immer mehr Betroffene und ihre Angehörigen unser Angebot nutzen“, sagt Birgit Keel, Geschäftsführerin der Einrichtung, bei der gestrigen Präsentation des Jahresberichts. Denn: „Es ist immer schon ein Erfolg, mit den Menschen in Kontakt zu treten.“

Ein Plus von zwölf Prozent bei den Klienten, ein Plus von 18 Prozent bei den Einzelkontakten (über 4700) seien der klare Ausdruck, dass die Einrichtung immer besser angenommen werde. Die Suchtberatung befasst sich vor allem mit jenen Klienten, deren Leitdroge illegale Substanzen sind. Vier Fünftel der Klienten sind Männer, bei den Angehörigen sind 75 Prozent Frauen. Ein Grund für die steigenden Zahlen bei den Beratungen sieht Keel im zuletzt vorangetriebenen Ausbau des Angebotes – auch in den Bezirken. Ein Meilenstein sei dabei die mit der Drogenfachstation B3 des Landeskrankenhauses Hall gestartete Sprechstunde in der Beratungsstelle Imst gewesen.

Auf eigene Initiative kamen im Vorjahr rund 35 Prozent der Menschen zu den Beratungen. Ein Viertel wurde von der Justizanstalt, zwölf Prozent von den Gesundheitsbehörden zugewiesen.

„In den Beratungen selbst stellen wir fest, dass ein Großteil der suchtkranken Menschen im Laufe ihres Lebens eine Traumatisierung erlebt hat. Diese versuchen sie mit Drogen zu lindern und selbst zu behandeln. Wir bemühen uns, unsere Klienten nicht nur auf die Suchterkrankung zu reduzieren“, sagt Dietmar Kamenschek, klinischer und Gesundheitspsychologe bei der Suchtberatung Tirol. Man versuche, die eigentlichen Pro­bleme hinter der Drogensucht zu erkennen und eine positive Identität sowie vorhandene Stärken und Ressourcen zu fördern. Ein klares Ziel sei es daher vor allem, in Kontakt mit den Menschen zu kommen. Die Betroffenen müssten Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen. Daran werde gearbeitet. Stigmatisierung und Kriminalisierung sei „paradox“, wie Kamenschek es ausdrückt. „Wir arbeiten an einen Sichtweisen-, Haltungs- und Einstellungswechsel.“

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Egal ob illegale oder legale Drogen wie Alkohol: Es gebe 90 Prozent der Menschen, die kein Suchtverhalten zeigen. Bei zehn Prozent sei dies aber sehr wohl der Fall. Und 90 Prozent davon hätten irgendwann in ihrem Leben eine traumatisierende Erfahrung gemacht. „Nicht das Cannabis ist das Problem, sondern der Mensch, der versucht, diese Traumata durch Drogen zu bewältigen“, sagt der Psychologe. Es müsse der Mensch in den Mittelpunkt gerückt werden.

Wie viele Menschen es in Tirol mit einem problematischen Drogenkonsum gebe, sei nahezu unmöglich zu beurteilen. „Über 2000 sind in einem Substitutionsprogramm“, sagt Keel. Man gehe davon aus, dass zwischen 35 und 55 Prozent der Menschen Erfahrungen mit Cannabis gemacht hätten. Bei unter einem Prozent würden sich daraus ernsthafte Probleme entwickeln. Eine noch bessere Zusammenarbeit mit anderen Institutionen sei wünschenswert, sagt die Geschäftsführerin.

Aus den rund 950 betreuten Personen, die eine der neun Beratungsstellen aufgesucht haben, lassen sich einige Rückschlüsse ziehen. Fast jeder Dritte ist zwischen 20 und 24 Jahre alt. Fast 70 Prozent sind zwischen 15 und 29 Jahren alt. Über 60 Prozent haben eine gesicherte Wohnungssituation. Cannabis ist für über die Hälfte der Klienten die Leitdroge – gefolgt von Opiaten und Kokain. Auch das Alter des Erstkonsums wurde abgefragt. Nach Nikotin (statistisch gesehen mit 13,7 Jahren) und Alkohol (14,3 Jahren) folgt mit 15,6 Jahren der erste Kontakt mit Cannabis.


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