Formel 1: Königsklasse betritt im Kaukasus Neuland

Baku/Wien (APA) - Nur wenige Tage nach dem Rennen in Kanada betritt die Formel 1 rund 9.000 Kilometer weiter östlich und 28 Meter unter dem ...

Baku/Wien (APA) - Nur wenige Tage nach dem Rennen in Kanada betritt die Formel 1 rund 9.000 Kilometer weiter östlich und 28 Meter unter dem Meeresspiegel wieder einmal Neuland. Aserbaidschan ist das 32. Land im Rennkalender der Motorsport-Königsklasse, die Premiere geht in der Hauptstadt Baku in Szene. Erhofft wird am Sonntag ein urbanes Spektakel und das schnellste Straßenrennen der Welt.

Denn das letzte Rennen, bevor Lewis Hamilton und Co. am 3. Juli Österreich zum dritten Mal in Folge in Spielberg die Ehre geben, wird nicht nur wegen der knappen Anreise aus Kanada zum Kraftakt. Es findet auch auf einem einzigartigen Kurs im Südkaukasus statt, den die Piloten bis dato nur aus Simulationen kennen.

Der sechs Kilometer lange Baku City Circuit hat es jedenfalls in sich. Hantelförmig dreht sich der winkelige Kurs gegen den Uhrzeigersinn rund um die orientalisch schöne Altstadt der 2-Millionen-Hauptstadt am kaspischen Meer.

Hamilton will sich von der Kulisse nicht ablenken lassen und bei der bemerkenswerten Premiere weiter auf der Siegeswelle schwimmen. Nur noch neun Punkte trennen den dreifachen Weltmeister nach seinen Siegen in Monaco und Kanada vom führenden Mercedes-Teamkollegen Nico Rosberg. Los geht das über 51 Runden führende, achte von 21 Saisonrennen um 15.00 Uhr MESZ und damit genau zum Zieleinlauf der 24 Stunden von Le Mans.

2014 wurde der Vertrag unterzeichnet, um nach gescheiterten Olympia-Bewerbungen das durch Öl- und Gasvorkommen reich gewordene Aserbaidschan sowie seine Hauptstadt Baku für zumindest ein gutes Jahrzehnt über globalen Motorsport weltweit in die Auslage stellen zu können. Um möglichst viele Sehenswürdigkeiten herzeigen zu können, wird sogar auf dem zweitlängsten Formel-1-Kurs nach Spa gefahren.

Nach dem Eurovisions-Songcontest (2012) und den Europaspielen im Vorjahr ist auch das Formel-1-Rennen als Grand Prix von Europa ausgeschrieben. Vier Jahre nach Valencia kehrt der Europa-GP damit zurück, es ist der insgesamt 23.

Aserbaidschan will sich seit längerem als Tor zum Westen etablieren und mit einer Anhäufung von Großereignissen auch Touristen ins Land bringen. Nächstes Projekt sind Matches der Fußball-WM in Russland.

Die Gegenwart heißt aber Formel 1 und dafür hat man sich eine eindrucksvolle „Stadtrundfahrt“ einfallen lassen. Damit das möglich wird, musste man teils auch tief in die Trickkiste greifen. Nichts ist auf dem „Baku City Circuit“ fix, vielmehr alles temporär. Von den nur 20.000 Zuschauer fassenden Tribünen bis zum Boxengebäude und teilweise sogar die Strecke selbst, alles wird nach dem Rennen wieder entfernt.

Denn die von Hermann Tilke konzipierte, zum Teil sehr enge und steile Strecke durch die Gassen, Straßen und Promenaden von Baku mit ihren 20 (acht Rechts-, zwölf Links-) Kurven inkludiert auch Kopfsteinpflaster-Passagen. Deshalb musste eine Innovation her, nämlich „mobiler“ Asphalt. Mit Kies sowie kunststoffgitterbewehrtem, zweischichtigem Asphalt wurden 700 Meter Pflaster überbaut. Auch das kommt wieder weg.

Und obwohl es auf der mit Spannung erwarteten „Panoramafahrt“ mit gleich drei rechtwinkeligen Linkskurven los geht und sich die Autos später - nur getrennt durch Mauer und Zaun - quasi „begegnen“, geht es auch richtig zur Sache. Auf der 2,2 Kilometer langen Geraden entlang der Ufer-Esplanade wird ein Tempo von bis zu 340 km/h erwartet. Damit zeichnet sich das schnellste Straßenrennen der Welt ab. Baku sei wie Singapur, nur schneller, heißt es.

Beäugt wird der erstmals im Osten stattfindende Grand Prix von Europa wegen der Verstöße gegen Menschenrechte und Pressefreiheit im Land aber durchaus auch kritisch. Im Vorfeld des Premierenrennens trafen sich Vertreter von „Sports for Rights“ mit dem Formel-1-Management. Bernie Ecclestone, bekanntlich durchaus Freund autoritärer Systeme, hielt sich aber heraus. „Jeder scheint hier glücklich zu sein“, hatte er vergangenes Jahr lakonisch gemeint.

Die Veranstalter haben jedenfalls keine Kosten und Mühen gescheut, um Ecclestone zufriedenzustellen und das Rennen zu einem Spektakel zu machen. Auch das Rahmenprogramm kann sich sehen lassen. Zu den Showstars gehören Enrique Iglesias, Pharrell Williams und Chris Brown.

Für die Formel 1 wird das Rennen auch zu einer Fahrt ins Unbekannte. Zwar hat kürzlich Lokalmatador Gulhuseyn Abdullayev in einem GP3-Auto die fertige Strecke getestet, aber eben nur in moderatem Tempo.

Hamilton, Nico Rosberg und Co. kennen Baku bisher nur von Simulationen, aber Überholen dürfte an manchen Strecken unmöglich sein. Für die Engstelle bei der Stadtmauer etwa bedurfte es einer Sondergenehmigung.

Pirelli hat die Reifenmischungen Medium, Soft und Supersoft aufgelegt. Baku bietet heißes, trockenes Klima, gilt aber auch als „Stadt der Winde“. Es wird jedenfalls wesentlich wärmer als zuletzt in Kanada, erwartet wird sogar ein „Hitzerennen“.


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