Veraltetes Bild im Kopf verbaut Chancen

Ältere Arbeitnehmer sind gesünder, gebildeter und flexibler als früher. Am Arbeitsmarkt leben alte Vorurteile jedoch weiter. Auf einer Fachtagung diskutierten Tirols Bildungsberater, wie das geändert werden könnte.

Wo liegt die berufliche Zukunft? Welche Möglichkeiten gibt es? Die Infoline der bildungsinfo-tirol gibt erste Auskünfte.
© Bildungsinfo Tirol

Von Stefan Bradl

Innsbruck –Heiß-kalt war der Lagebericht, den Manuela Stampfl vom AMS Tirol den mehr als 35 Teilnehmern der Netzwerktagung präsentierte – einer jährlichen Fachtagung. Als positiv schilderte sie, dass der allgemeine Anstieg der Beschäftigtenzahlen auch die Gruppe der Arbeitnehmer 50+ mit einschließt. Das liege zwar auch einfach am Älterwerden geburtenstarker Jahrgänge, zeige aber trotzdem, dass das „relative Alter“ allein kein Faktor mehr ist, der eine Teilnahme am Erwerbsleben verhindere.

„Leider ergeben unsere Daten auch, dass ältere Arbeitnehmer zu den am stärksten von Arbeitslosigkeit betroffenen Gruppen zählen“, führte Manuela Stampfl weiter aus. „Zudem profitieren sie fast immer als Letzte von positiven Entwicklungen am Arbeitsmarkt.“ Das AMS bleibe für die Gruppe 50+ daher mit aktiven Maßnahmen und Bewusstseinsbildung weiterhin besonders engagiert.

Das Überdenken von „alten Bildern über das Alter“ regte Rudolf Götz von ÖSB Consulting in seinem Vortrag an. „Die gesellschaftlich verankerte Vorstellung von Alter leitet sich zu einem großen Teil immer noch von den ‚Alten‘ der Kriegs- und Nachkriegsgeneration ab. Sie deckt sich mit der Realität von 2016 jedoch zunehmend weniger.“ Er spricht von „Personen in der Späterwerbsphase“. Diese seien heute im Durchschnitt gesünder, gebildeter, arbeitsmarktnäher und zudem offener für Weiterbildung.

Durch die erwähnten negativen Fremd- und in Konsequenz Eigenbilder sei es für Beratungseinrichtungen trotzdem oft eine Herausforderung, die Zielgruppe der Älteren zu erreichen. Referent Rudolf Götz stellte daher unter anderem das Konzept der Lebensthemen vor. Es fasst Personen nicht mehr nach ihrem Jahrgang, sondern nach gemeinsamen Themen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf, beruflicher Bildung oder Gesundheit zusammen. Die Falle, potenziell Interessierte durch die Betonung des „defizitären Altersbildes“ abzuschrecken, könne so vermieden werden.

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Den Wert von beruflicher Tätigkeit auch und gerade für Personen 50+ betonte Heinz Fuchsig von der AUVA-Außenstelle Innsbruck. „Die Arbeit hält mich fit“, zitierte er aus einer seiner vielen Begegnungen in Tiroler Betrieben. Vor allem die im Regelfall positiven sozialen Kontakte, die Anerkennung und die Struktur im Leben fördern das individuelle Wohlbefinden.

Natürlich erkennt der Mediziner die Leistungsveränderung im Alter an. „Die geht aber nicht nur in eine Richtung. Die körperliche Belastbarkeit mag mit der Zeit langsam sinken. Der psychische Bereich wie Konzentration oder Assoziationsvermögen bleibt jedoch stabil, während soziale Kompetenzen wie Weitsicht, Besonnenheit oder Geduld im Schnitt sogar zunehmen.“

Die durchdachte Ausstattung und Gestaltung von Arbeitsplätzen könne laut Heinz Fuchsig viel dazu beitragen, die altersbedingte Leistungsveränderung aufzuheben beziehungsweise klein zu halten. „Fast noch wesentlicher ist jedoch das Verhalten der Führungskräfte im Betrieb. Studien in Finnland haben gezeigt, dass eine höhere Anerkennung durch Vorgesetzte die Arbeitsfähigkeit doppelt so stark verbessert wie rein körperliche Maßnahmen, zum Beispiel mehr Sport.“

Den typischen älteren Ratsuchenden gebe es übrigens nicht. Manche haben eine Beschäftigung, sehen aber keinen befriedigenden Sinn mehr darin. Andere sind nach einer Kündigung stark verunsichert und zweifeln am eigenen Wert. Wieder andere wären zwar für eine Umschulung offen, haben jedoch den finanziellen Spielraum nicht. „Intensiven fachlichen Austausch zu ermöglichen ist natürlich einer der Gründe, warum wir diese Netzwerk-Tagungen überhaupt machen“, erläutert Rainer Fellner, Bereichsleiter der bildungsinfo-tirol. „Sie lassen die Berater und Beraterinnen Impulse mit in ihre Arbeit nehmen, von denen die Kundinnen und Kunden nur profitieren können.“


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