Streicheln gegen Prüfungsstress am AZW Innsbruck

Das AZW in Innsbruck sucht neue Wege, um Schülern die Nervosität vor Prüfungen zu nehmen. Ein Windhund aus Spanien spielt dabei eine besondere Rolle.

© Andreas Rottensteiner / TT

Von Theresa Mair

Innsbruck –Mucksmäuschenstill liegt Leo da. Wenn man ihn anspricht, schaut er auf, blickt sich mit treuherzigen Augen um und stakst mit seinen langen Beinen auf einen zu. Es ist ein Glück, dass der Windhund heute da ist.

Doppeltes Glück. „Sehen Sie die Muskeln, die er an den Schenkeln hat? Die sind vom Trainieren für Windhund-Rennen. Die fahren mit dem Motorrad 100 km/h vor und schauen, ob der Hund nachkommt. Leo war zu langsam“, erzählt Manuela Oberlechner. Sie hat den Hund vor zwei Jahren über die Tierschutzorganisation „Windhunde in Not“ aus Spanien zu sich nach Innsbruck geholt. Leo wäre sonst wahrscheinlich getötet worden.

Heute bringt er Katja Wurm, Schwesternschülerin im ersten Jahr im Ausbildungszentrum West für Gesundheitsberufe (AZW) in Innsbruck, Glück. Entspannt sitzt die 24-Jährige aus Bruck am Ziller in der Schuldirektion und erzählt von früheren Erlebnissen bei Prüfungen, von „Angstschweiß“, „Chaos im Kopf“ und einer „Stressblase“. An diesem Tag wirkt Wurm frisch, aufgeräumt, und sie muss nicht alle fünf Minuten auf die Toilette rennen. Einzig gegessen hat sie noch nichts. Vor wenigen Minuten ist die große dreistündige Pathologie-Prüfung zu Ende gegangen. Wurm hat „ein gutes Gefühl“. Leo ist der Grund.

Schülerin und Hund haben vor der Prüfung eine halbe Stunde allein zusammen verbracht. „Ich habe mit ihm geredet, ihn gestreichelt und ihm Leckerlis gegeben“, sagt Wurm. Danach sei sie in die Klasse gegangen. Zum ersten Mal habe ihr die Hektik um sie herum nichts ausgemacht. „Früher habe ich sofort die Stöpsel in die Ohren gegeben und Musik gehört. Heute war mir das alles egal“, erzählt sie.

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Der Gedanke, Leo in die Schule zu holen, entstand bei einem Spaziergang. Dabei erzählte Waltraud Buchberger, Schuldirektorin des Fachbereichs Pflege, ihrer Freundin Oberlechner von der Nervosität der Schüler vor Prüfungen.

„Die Schüler zeigen alle Symptome. Rote Flecken, Schweißausbrüche, wenn man ihnen die Hand gibt, sind sie patschnass. Sie sind in ihrem Angstgedächtnis gefangen und nicht mehr in der Lage, die einfachsten Fragen zu beantworten“, sagt Buchberger. Der Druck auf die Schüler habe sich erhöht und damit auch ihre Nervosität. „Es sind viele Fächer, extrem viel Lernstoff, und manche müssen nebenbei noch arbeiten. Da kommt sehr viel zusammen.“ Sie habe sich viele Gedanken gemacht, wie man das ändern könne.

Einmal sei ihr dann aufgefallen, dass die Schüler vor einer Prüfung ganz anders waren, freudig aufgeregt. „Es hat sich dann herausgestellt, dass ein Mädchen vor einer Prüfung mit einem Hund vor der Tür stand. Mit dem hatten dann alle gespielt. Der war überall auf dem Schoß.“

Warum also nicht den relaxten Leo mitbringen und schauen, ob er beruhigende Wirkung auf Prüflinge hat? Zumal man mit Hunden auch schon anderswo gute Erfahrungen gesammelt hat: im Seniorenheim etwa, in Volksschulen und mit Alzheimer-Kranken kommen Therapiehunde zum Einsatz. Die Lehrerschaft sei von Anfang an freudig dabei gewesen. „Es ist ja schade, wenn jemand stressbedingt die Prüfung nicht schafft. Außerdem haben wir hohe Drop-Out-Raten im ersten Jahr, die wir senken möchten.“

Die Wirkung von Leo wird jetzt im Rahmen einer größeren Studie auch wissenschaftlich ausgewertet. Wurm musste einen Fragebogen zu ihrem Allgemeinzustand ausfüllen. Die Konzentration des Stresshormons Cortisol wird in ihrem Speichel gemessen.

In weiteren Gruppen wird jeweils gemalt, getrommelt und mit ausgebildeten Therapiehunden gearbeitet. Eine Vergleichsgruppe tut nichts. Im Herbst soll es erste Ergebnisse geben. Für Wurm steht schon fest: „Ich war am Anfang skeptisch. Wenn ich die Prüfung trotz Leo nicht geschafft haben sollte, kann es nicht am Stress gelegen haben.


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