Die Absolution für Kinder und Kinogeher

In ihrem Dokumentarfilm „El tiempo nublado“ sucht die Regisseurin Arami Ullón einen Pflegeplatz für ihre in Paraguay lebende Mutter.

© ABC-Film

Innsbruck –Mit den technischen Möglichkeiten des digitalen Films und den jüngeren Kameragenerationen, die auch in der Nacht ohne Lichtquellen Bilder speichern, hat sich der Dokumentarfilm verändert. Zu jeder Zeit lassen sich intime Momente einfangen, ohne auf äußerliche Gegebenheiten Rücksicht nehmen zu müssen. Die Auswahl des Materials hängt beim Schnitt von der Einschätzung der gewünschten Wirklichkeit ab, über die letztlich die Dokumentaristen entscheiden. FilmemacherInnen, die sich in heiklen Situationen mit der Kamera eigenen Familienangehörigen nähern, balancieren immer auf einem schmalen emotionalen Grat. Einerseits ist das Vertrauen der Beobachteten grenzenlos, andererseits können Skrupel oder Scham, Geheimnisse an die Öffentlichkeit zu bringen oder gar zu verraten, die beabsichtigte Erzählung lähmen. Aber auch die Zuschauer, die nicht als Voyeure im Parkett sitzen möchten, erleichtert die Kenntnis der Vereinbarung, die zu diesen mitunter intimen Bildern geführt hat.

In „El tiempo nublado“ besucht die in Basel lebende Regisseurin Arami Ullón ihre zum Pflegefall gewordene Mutter in Paraguay. Mirna weiß, dass sie (vom Kameramann Ramon Giger) gefilmt wird, die Absichten liegen freilich im Nebel wie ihre Vergangenheit. Sie nennt ihre Tochter Mama.

Arami wollte bereits als Kind aus ihrem Elternhaus flüchten, weil sie die epileptischen Anfälle ihrer Mutter erschreckt haben. Später ist noch die Parkinsonerkrankung hinzugekommen. 30 Jahre später kann die Mutter nicht mehr ohne Betreuerin leben, doch ausgebildete Pflegekräfte sind in Asunción rar. Eine Übersiedlung in die Schweiz kommt aus ökonomischen Gründen nicht in Frage, die staatliche Fürsorge in Paraguay erlaubt eine Übernahme solcher Fälle nur bei Patienten, die über keine Angehörigen verfügen. Da nahe Verwandte die häusliche Pflege Mirnas diskret ablehnen, begibt sich die Regisseurin mit ihrer Mutter im Rollstuhl auf die Suche nach einem finanzierbaren Pflegeheim. Als Gegenleistung wünscht sie sich die Absolution für Distanz und die Vernachlässigung in der Hilflosigkeit. Es ist eine berührende Selbstanklage, über die jeder Betrachter für sich ein Urteil fällen muss. (p. a.)

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