Festwochen: „Primal Matter“ wurde zum Parforceritt der Körperlichkeit

Wien (APA) - Er ließ es sich nicht nehmen: Dimitris Papaioannou begrüßte jeden Besucher persönlich, riss die Karten ab, erfasste das Publiku...

Wien (APA) - Er ließ es sich nicht nehmen: Dimitris Papaioannou begrüßte jeden Besucher persönlich, riss die Karten ab, erfasste das Publikum mit freundlichem Blick. Mit einem ab und an leise gemurmelten „Hallo“ sollte sich der Wortanteil seiner Performance „Primal Matter“ an diesem Abend schon erschöpft haben - ging es doch um eineinhalb Stunden Körperlichkeit in direkter, humoristischer wie präziser Form.

Umgesetzt haben diesen stummen Tanz der Gliedmaßen bei der Festwochen-Premiere am Freitag im Wiener Museumsquartier Papaioannou und sein Kollege Michalis Theophanous: Ersterer voll bekleidet in schwarzem Anzug, sein Gegenüber nackt, wie Gott ihn schuf. Von gleicher Größe und sehr ähnlicher Statur, begegneten sich die beiden wie ein Protagonist und sein Schatten - wobei immer wieder wechselte, wer welche Position einnahm. Und letztlich die Frage gestellt werden konnten: Sind das zwei, oder handelt es sich doch nur um eine Person?

Denn schon ganz zu Beginn versuchten die Performer auf der längsseitig positionierten Bühne, die an einen verunglückten Catwalk gemahnte, durcheinander „hindurch“ zu schlüpfen. Zwischen Wand, Achselhöhle und Schritt zwängten sie sich, abwechselnd, mit höchster Anstrengung und gleichzeitiger Leichtigkeit, sodass der Gedanke an eine Slapstick-Einlage keine Sekunde auf sich warten ließ. Da Humor auch sehr viel mit Räumlichkeit zu tun hat, begrenzten sich Papaioannou und Theophanous zusätzlich, indem eine Holzplatte quasi ihren Aktionsradius beschränkte. Wurde sie geschoben, mussten sie mit; kippte sie, kippte auch einer der beiden.

Auf das Durchsteigen folgten verschiedene weitere Szenen und Positionen, in denen man an einen Bildhauer bei der Arbeit oder einen Handwerker in seiner Werkstatt erinnert wurde: Ein Körper stand oder lag zum Formen bereit, der andere ging - durchaus behutsam und liebevoll - mit Feuereifer an die Aufgabe. Den Beobachtern, die sich immer wieder in Gekicher verloren, schenkten die beiden zwischendurch recht neutrale Blicke - als ob sie herauszulesen versuchten, ob ihr Vorhaben nun Sinn macht oder nicht.

Zusehends wurde es akrobatischer, als ein Tisch als Spiegel genutzt wurde, Papaioannou die Rolle eines Zauberkünstlers einnahm und Körperteile seines Objekts „verschwinden“ ließ oder der Dompteur sich nach einer scheinbaren Aneinanderkettung an Zufällen unter einer Platte wiederfand - sein nacktes Gegenüber stramm daraufstehend. Am Ende gab es schließlich die Vereinigung, wenn auch nur die Beine von Papaioannou und Theophanous verschmolzen.

Eigentlich war es bei dieser letzten Premiere der Ära von Festwochen-Intendant Markus Hinterhäuser (zeitgleich ließ Tiago Rodrigues für „By The Heart“ zehn Freiwillige im Schauspielhaus ein Shakespeare-Sonett auswendig lernen) aber mehr, das zusammenfand: Humor und Gelenkigkeit, eine unglaubliche Präzision und ein Gespür dafür, was nur durch kurze Blicke, behutsam gesetzte Schritte oder Berührungen vermittelt werden kann. Großer Applaus für diese griechische Produktion war der mehr als verdiente Lohn.

(S E R V I C E - Dimitris Papaioannou: „Primal Matter“, Koproduktion des Athens Festival und 2WORKS. Konzept, Inszenierung, Bühne, Kostüme und Licht: Dimitris Papaioannou, Sound: Konstantinos Michopoulos, Künstlerische Mitarbeit: Tina Papanikolaou, Mit: Dimitris Papaioannou, Michalis Theophanous. Weitere Aufführung in der Halle E im MuseumsQuartier am 18. und 19. Juni, jeweils 19.30 Uhr. www.festwochen.at)


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