Der Nomade unter den Musikimporteuren
Helmut Berchtold hat als Konzertveranstalter fernab von Mainstream und Blasmusik Innsbrucker Musikgeschichte geschrieben.
Von Silvana Resch
Innsbruck –Dass Nirvana in Innsbruck gespielt hätten, gehört zu den liebevoll gehegten Mythen einer vermeintlichen Weltstadt. Eines von diesen Inn puls-Konzerten soll es gewesen sein. Von jenen Veranstaltungen an den wechselnden, oftmals exotischen Orten, von der Bäckerei bis zum Blumenpark Seidemann. Konzerte, die von der Publikumsgröße her häufig recht überschaubar bleiben. Dabei sind es durchaus angesagte Bands, die der Musikimporteur holt, meist, bevor der Hype ausbricht, oft danach, manchmal geht der Buzz auch spurlos an Tirol vorbei. Seit mehr als vierzig Jahren bringt Helmut Berchtold eine alternative musikalische Vielfalt in die Kleinstadt.
Und manchmal passt alles perfekt zusammen: Zeit, Ort und Künstler ergeben eine Einheit, eine schwer kalkulierbare Größe, die die Zuhörerschaft plötzlich zu Hunderten lockt. Wie etwa beim ersten Innsbruck-Auftritt des schrägen britischen Trios Tiger Lillies im alten Haus am Haven oder bei der Singer/Songwriterin Soap & Skin 2007 (p.m.k. und Bierstindl). Ebenso die Show des kanadischen Violinisten Owen Pallett, damals noch unter dem Namen Final Fantasy. Visuell unterstützt wurde das Arcade-Fire-Mitglied 2006 im Bierstindl von einer Künstlerin, die mit Overhead-Folien Geschichten an die Wand projizierte – wohl eines der bezauberndsten Indie-Konzerte der lokalen Musikgeschichte. Publikumsmagneten sind alle drei gewesen, „Gottseidank“, sagt Berchtold, denn es habe schon auch immer wieder „Durststrecken“ gegeben. Obwohl – um noch ein bisschen Namedropping zu treiben – dank ihm so unterschiedliche Künstler, Formationen und Legenden wie Die Schmetterlinge, Donovan, Les Tambours du Bronx, Sonic Youth, Lemonheads, Calexico, Cornershop, Elliott Sharp oder The National hier gespielt haben. „Manche sind mittlerweile zu teuer beziehungsweise würden sie wohl gar nicht herkommen“, sagt der studierte Volkswirt und Jurist. Seinen Verein Innpuls Musikimport mit den mittlerweile „drei, vier Mitgliedern“ hat er all die Jahre neben seinem eigentlichen Beruf beim Innsbrucker Sozialamt geführt. Seit einem Jahr ist er in Pension, das bedeutet wieder mehr Muße: „Ernst Molden möchte ich bald wieder holen.“
Die Leidenschaft für die „US-Westcoast-Szene, für Folk- und Soul-Größen und für den britischen Underground“ ist bei dem Sprössling einer „sehr musikalischen Familie“ aus einem Mangel heraus erwachsen. Vor Ö3, das 1967 gegründet wurde, sei das Angebot äußerst spärlich gewesen. Konzerte waren eine „absolute Rarität“, erinnert sich der 65-Jährige, also kontaktierte er eben selbst die Bands. Der erste Live-Gig ging 1972 in der MK über die Bühne. Seit es das Jugendzentrum im Kennedyhaus nicht mehr gibt, ist Berchtold der Nomade unter Innsbrucks Veranstaltern. Die Musik ist zudem nicht sein einziges „Hobby“. Der Jurist ist Vorstandsmitglied beim gemeinnützigen Verein Rechtsladen. Für Amnesty International und die Waldorfschule hatte sich der dreifache Familienvater bereits in der Vergangenheit stark gemacht.
Ein „konstanter Faktor“ des Musikimporteurs sind die feinen Singer/Songwriter-Konzerte. „Songtexte waren schon sehr früh sehr wichtig für mich.“ Eine Zeit lang hat der Veranstalter versucht, die teils völlig unbekannten Indie-Bands mit großen Namen querzufinanzieren. Andreas Vollenweider etwa, die Flying Pickets oder das Dave Brubeck Quartet spielten im Kongress beziehungsweise im Stadtsaal. Das Risiko war aber zu groß. „So ist das Ganze überschaubarer.“ Existenzbedrohend seien Veranstaltungen mit gelegentlich 15 Besuchern nicht.
Es sei nie das Ziel gewesen, „Exklusivkonzerte für wenige Eingeweihte“ zu veranstalten. Doch die Auftritte nur nach den Besucherzahlen zu messen, greife zu kurz. Ein persönliches Highlight? „Townes Van Zandt.“ Auch darauf, dass er Soulsänger Curtis Mayfield nach Innsbruck geholt hat, ist Berchtold stolz, ebenso wie über den Folkstar Loudon Wainwright. Und wie war das nun mit Nirvana? „Das hat sich zerschlagen, ich glaube, wir haben keinen geeigneten Platz gefunden.“ Das soll ja gelegentlich mal vorgekommen sein. Dazwischen immer wieder pure musikalische Magie.