Psychisch traumatisierte Flüchtlinge in der Warteschlange 1

Wien (APA) - Defizite im Engagement zuständiger öffentlicher Institutionen baden in Österreich schlecht versorgte Flüchtlinge selbst - und d...

Wien (APA) - Defizite im Engagement zuständiger öffentlicher Institutionen baden in Österreich schlecht versorgte Flüchtlinge selbst - und die privaten Helfer aus. Ein Beispiel dafür ist Hemayat, jene Organisation, die seit mehr als 20 Jahren auf psychotherapeutische Interventionen bei traumatisierten Flüchtlingen und Folteropfern spezialisiert ist. Eine Lösung der Probleme ist nicht in Sicht.

„Wir sehen die Traumatisierten immer mit einer Zeitverzögerung. Jetzt kommen die Flüchtlinge, die vergangenes Jahr in Österreich angekommen sind. Wir sehen vermehrt Kinder und Jugendliche, die in der Schule auffällig werden. Wir sehen die Syrer, Iraker und Afghanen, zum Teil ganze Familien. Und dann haben wir noch immer die traumatisierten Tschetschenen und Tschetscheninnen, von denen in Österreich aber offenbar niemand mehr etwas wissen will“, sagte jetzt Cecilia Heiss, Chefin des Hilfsvereins mit Sitz in Wien-Alsergrund, im Gespräch mit der APA.

Der Verein wurde 1995 gegründet. Da waren es zwei Ärzte und eine Psychologin. Von Anfang an wurde medizinische, psychiatrische und psychotherapeutische Hilfe - auch vermittelt über Dolmetscher - für Folteropfer und traumatisierte Flüchtlinge angeboten. Das war schon bis 2015 oft schwierig. Dann kam das Ankommen der rund 90.000 Flüchtlinge im vergangenen Jahr - ein guter Teil davon in Wien.

Das Ergebnis: Der Bedarf an therapeutischer Unterstützung für Menschen aus Kriegsgebieten oder mit Foltererfahrungen wird spürbar größer. Bei den verfügbaren finanziellen Mitteln ist das nicht der Fall.

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Heiss, von Beruf Psychologin, sagte dazu gegenüber der APA: „Ich bin mittlerweile hauptberuflich Klagende. Wir haben hier eine Vervielfachung der zu Betreuenden. Hemayat müsste seine Kapazitäten eigentlich mindestens verdoppeln. Den erhöhten Flüchtlingszahlen annähernd entsprechende höhere Subventionen werden aber nicht in Aussicht gestellt. Es helfen uns in erster Linie die Privatspenden, trotzdem haben wir jetzt 400 Menschen auf der Warteliste.“

30 Psychotherapeuten unterschiedlicher „Schulen“ stehen im Einsatz für Hemayat. Dazu kommen rund 30 Dolmetscher. An diesem Personal mangele es nicht. Aber es fehlt einfach am Geld, um die Betreuung auszubauen. „Dabei haben wir im vergangenen Jahr 753 Klienten und Klientinnen aus 48 Ländern betreut. Davon waren 122 minderjährige Kinder. Die werden in der Schule auffällig. Zum Beispiel, weil sie wegen ihrer Traumatisierung nicht dem Unterricht folgen können, weil sie aggressiv sind oder sich so zurück ziehen, dass nichts mehr geht“, sagte Heiss. ‚Bei den Erwachsenen sind es Depressionen, Schlafstörungen - Menschen, die nicht mehr wissen, wie sie weiterleben sollen“, erzählte die Psychologin.

Alpträume, Schlafstörungen, Flash-Back-Phänomene, Panikattacken - eine unbehandelte posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) kann jahrzehntelang faktisch lebens- und funktionsunfähig machen. „Das Schlimme ist, dass sich das auch über Generationen hinweg übertragen kann. Da gibt es Kinder, die vor jeder Uniform in Ohnmacht verfallen, obwohl sie hier geboren worden sind und nie die Erfahrungen ihrer Eltern gemacht haben, aber scheinbar deren Angst übernehmen. Andere müssen ihre Eltern betreuen, weil diese nicht fähig sind, das tägliche Leben zu managen“, berichtete Heiss.

In der Betreuung der Flüchtlinge mit traumatischen Erlebnissen und von Folteropfern schlägt in Österreich der von Experten seit Jahren dokumentierte Mangel an psychiatrischer Hilfe und Psychotherapie auf Kosten der Krankenkassen gleich doppelt durch. Während sich Österreicher mit Hartnäckigkeit und oft kaum leistbaren Zuzahlungen womöglich helfen können, trifft das auf die Ärmsten der Armen nicht zu. Sie bleiben oft „draußen vor der Tür“. Heiss: „So ist es für mich völlig schleierhaft, warum die Wiener Gebietskrankenkasse uns keine Psychotherapie-Kontingente bewilligt.“


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