Heiße Kunst in einer kalten Zeit

Zehn Künstlerpositionen zur „Kalten Gesellschaft #2“ in der Galerie der Stadt Schwaz.

© david steinbacher

Von Edith Schlocker

Schwaz –Für den französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss (1908–2009) ist eine Kultur umso „heißer“, je größer ihr Antrieb zu einer tiefgreifenden Modernisierung der Gesellschaft ist. Für Judith Hopf, die Kuratorin der aktuellen Schau in der Galerie der Stadt Schwaz, ist die heutige Gesellschaft kalt. Und was das für die Kunst bedeutet, versucht die Berlinerin anhand von zehn Positionen – darunter ihre eigene – zu untersuchen.

Das Ergebnis ist spannend, spannt einen metaphorischen Bogen vom „heißen“ Schwaz um 1500 bis zur globalisierten Welt von heute. Mit dem Effekt einer kippenden Ästhetik, wenn etwa Julian Göthe zeichnend versucht, Funktionales ins Wanken zu bringen. Indem er klare geometrische Strukturen, die an Wolkenkratzer genauso wie an Computerteile erinnern, mit flauschig fedrigen Strukturen durchsetzt, umrahmt von einer Wandverspannung aus schwarzen Seilen, was formal durchaus barock daherkommt.

Nur auf einen ersten Blick naiv sind die eigenartigen Bilder von Magnus Andersen. Digitale Symbolik kreuzt der junge Däne fröhlich mit sich volkskünstlerisch gebendem Kitsch, wobei bei genauerem Hinschauen angesichts der zynisch bunt verpackten Symbolik das Lachen im Hals stecken bleibt. Der kühlen Ästhetik der Werbefotografie bedient sich hingegen Annette Kelm in ihren seelenlos bösen Stillleben.

Die Schwedin Ida Persson hat drei große Bilder nach Schwaz mitgebracht. Was wie perfekt inszenierte Architekturdetails anmutet, sind in Wahrheit ins Überdimensionale aufgeblasene Überwachungs-Tools. Auf farbig wunderschön verfließend bemalte Sockel hat die Berliner Bildhauerin Anna Herms je eine kleine nackte Frauenfigur gestellt. Geformt in Ton und mit malerischen Glasuren überzogen sind sie Zitate arbeitender Frauen aus längst in die Kunstgeschichte eingezogenen Gemälden.

Jonathan Penca lässt Vögel aus Draht „Brieflein“ durch die Galerie tragen, die davon erzählen, wie der Kapitalismus die Moral besiegt. Martin Ebner und Florian Zeyfang haben drei gewölbte Überwachungsspiegel an die Wand gehängt bzw. auf den Boden gelegt, Judith Hopf hat den galeristischen Schreibtisch als Metapher für den Bergbau, der Schwaz vor 500 Jahren zur „heißen“ Gesellschaft gemacht hat, durchlöchert. Welche Temperatur die Gesellschaft Boliviens hat, beantwortet Harun Farockis Film dagegen nicht, in dem es um die Ausbeutung in bolivianischen Silberminen geht.


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