Deutsche Ökonomen erwarten wegen Brexit weniger Wachstum

Berlin (APA/Reuters/sda) - Das Brexit-Votum der Briten kostet die deutsche Wirtschaft nach Prognose von Ökonomen viele Milliarden: Banken un...

Berlin (APA/Reuters/sda) - Das Brexit-Votum der Briten kostet die deutsche Wirtschaft nach Prognose von Ökonomen viele Milliarden: Banken und Institute senken reihenweise ihre Prognosen für das Wachstum im kommenden Jahr, rechnen aber nicht mit einem Einbruch wie während der Finanzkrise.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde statt 1,8 nur um 1,3 Prozent zulegen, erklärte das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) am Mittwoch. Ein Unterschied von 0,5 Punkten entspricht rund 15 Mrd. Euro. Für heuer erwarten die Forscher ein Plus von 1,6 Prozent.

„Die kurzfristigen Auswirkungen des Brexit sind in Deutschland nicht katastrophal, aber doch schmerzlich genug“, sagte IMK-Direktor Gustav Horn. Die deutlich gewachsene Unsicherheit treffe die hiesige Wirtschaft an einem ganz empfindlichen Punkt: den Investitionen, die sich nach langer Flaute gerade zu beleben begannen. „Das dürfte sich jetzt erledigt haben“, sagte Horn. Sollten die Turbulenzen an den Finanzmärkten anhalten, könne das Wachstum künftig sogar geringer als ein Prozent ausfallen. Der Dämpfer werde sich auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar machen. Trotz Zuwanderung sinke die Zahl der Arbeitslosen dieses Jahr im Schnitt um 60.000. 2017 dürfte sie hingegen bei weiter steigender Beschäftigung um rund 290.000 zunehmen und wieder knapp über drei Millionen liegen.

Auch viele Banken blicken pessimistischer auf die Konjunktur in Europas größter Volkswirtschaft im kommenden Jahr. Die BayernLB nahm ihre Wachstumsprognose von 1,6 auf 1,1 Prozent zurück, die Berenberg Bank von 1,7 auf 1,5 Prozent, die DekaBank von 1,4 auf 1,1 Prozent und die Helaba von 1,5 auf 1,3 Prozent. „Für den Moment lautet die gute Nachricht, dass der Brexit die deutsche Konjunktur nicht umwirft“, sagte der Leiter Volkswirtschaft der DekaBank, Holger Bahr. „Allerdings lastet das Brexit-Votum auf den wirtschaftlichen Perspektiven, mithin auf den Investitionsentscheidungen von Unternehmen.“

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Einen Einbruch wie während der Finanzkrise erwarten die Experten aber nicht. „Der Brexit wird in der deutschen Wirtschaft ein paar blaue Flecken hinterlassen“, sagte auch der Deutschland-Chefvolkswirt von UniCredit, Andreas Rees, der ebenfalls die Prognose für 2017 senken will. „Kauffreudige Konsumenten und der boomende Bausektor bleiben tragende Säulen des Aufschwungs.“

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet schon in der zweiten Jahreshälfte 2016 mit ersten Bremsspuren - „vor allem weil die Exporte nach Großbritannien merklich zurückgehen könnten“, sagte Konjunkturchef Ferdinand Fichtner. Der Brexit dürfte nach Ansicht der Inkasso-Firmen zu mehr Firmenpleiten in Deutschland führen. Die Wirtschaft werde den anstehenden Austritt der Briten aus der EU zwar nicht sofort spüren, erklärte der Branchenverband BDIU. „Aber wir befürchten, dass im kommenden Jahr die Zahl der Insolvenzen wieder steigt - und das wird auch die Zahlungsmoral wieder verschlechtern“, sagte BDIU-Präsidentin Kirsten Pedd in Berlin.

Das Vereinigte Königreich ist der weltweit drittwichtigste Absatzmarkt für deutsche Exporteure - nach den USA und Frankreich, aber noch deutlich vor China. Waren im Wert von fast 90 Milliarden Euro verkauften die deutschen Unternehmen im vergangenen Jahr auf die Insel, was 7,5 Prozent ihrer Ausfuhren entspricht. „Die Automobil- und Pharmaindustrie dürften den Brexit am stärksten zu spüren bekommen“, erwartet Analyst Eric Heymann von der Deutschen Bank. „Hier ist der Anteil des Vereinigten Königreichs an den gesamten Ausfuhren der jeweiligen Sektoren mit 12,8 beziehungsweise 10,5 Prozent besonders hoch.“

Großbritannien könnte bei einem Austritt aus der Europäischen Union („Brexit“) aus dem EU-Binnenmarkt herausfallen. Dadurch drohen Zölle im Warenhandel, die diesen bremsen könnten.

Auch in der Schweiz gefährdet der Brexit die Erholung der vom Frankenschock gebeutelten Exportbranche. Der direkte Effekt läuft über die Wechselkurse, erklärte die Bank Credit Suisse am Mittwoch: So schmälert das derzeit sehr schwache Pfund die Kaufkraft der Briten im Ausland. Dies dürfte einige Briten von Auslandsferien abhalten. Darunter würden auch Schweizer Hoteliers leiden.

Diese hatten in den ersten Monaten dieses Jahren noch von den Briten profitiert. Die Übernachtungszahlen der Briten waren deutlich höher ausgefallen als in der Vorjahresperiode. Dies dürfte sich laut den Ökonomen der Credit Suisse im weiteren Jahresverlauf ändern.

Nicht nur dem Schweizer Gastgewerbe, auch der Industrie droht nach dem Brexit ein Rückschlag. Die Branche hatte sich in den letzten Monaten allmählich vom Frankenschock erholt. Zwar baute sie im ersten Quartal noch sehr viele Stellen ab. Die Beschäftigung in der Industrie sank verglichen mit dem Vorjahresquartal um 2 Prozent (gemessen in Vollzeitstellen).


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